Ein Aubesetzer besetzt das Umweltressort

Kopf des Tages15. Dezember 2013, 17:57
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Andrä Rupprechter ist Tiroler und ist für die meisten Beobachter politisch ein unbeschriebenes Blatt

Dass er allgemein als große Überraschung im Team von Michael Spindelegger empfunden wird, ist eigentlich selbst überraschend: Kein anderer Kandidat, der in den vergangenen Tagen für das Amt des Landwirtschaftsministers genannt worden ist, könnte auf vergleichbare Qualifikationen verweisen - wobei die ausschlaggebende Qualifikation, dass Andrä Rupprechter nämlich Tiroler ist, sehr Österreich-spezifisch ist. Die Abstammung aus Brandenberg, einer abgelegenen Gemeinde in den Tiroler Kalkalpen nördlich von Brixlegg, hat ihn auf die Ministerliste gebracht.

Die Erfahrungen im Kabinett des Landwirtschaftsministeriums, die andere ministrable Anwärter mitgebracht hätten, konnte Rupprechter durchaus auch aufweisen - aber er hatte die anderen, die in verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Funktionen gelandet waren, längst hinter sich gelassen: Um die Funktionen, die Rupprechter zuletzt besetzt hatte - in der Direktion für Landwirtschaft der EU und als erst kürzlich gewählter Generalsekretär des Ausschusses der Regionen - haben sich neben dem Österreicher meist ehemalige Minister anderer Staaten beworben: Rupprechters Positionen waren wesentlich einflussreicher und stressärmer als die eines Ministers. Doch als ihn sein Landeshauptmann am Donnerstagabend in die Pflicht nahm, sagte er (nach kurzem Telefonat mit seiner Frau Christine, die ebenfalls für die EU tätig ist) kurzfristig zu.

Für die meisten Beobachter - selbst im Bauernbund, der mehr als zwölf Stunden brauchte, um seinem Mitglied öffentlich zu gratulieren - ist Rupprechter ein politisch unbeschriebenes Blatt.

Seine Freunde können sich aber noch gut daran erinnern, dass sich Rupprechter vor seiner Bilderbuchkarriere im öffentlichen Dienst durchaus politisch exponiert hat: Vor 29 Jahren war er stellvertretender Vorsitzender der Hochschülerschaft an der Boku, forderte in dieser Funktion den damaligen Landwirtschaftsminister Günther Haiden (SPÖ) zum Rücktritt auf, weil dieser das Kraftwerk Hainburg (rechtswidrig) genehmigt hatte, und war selber einer der Aubesetzer von 1984. Nun also besetzt der 1962 als elftes Kind in einer Bauernfamilie geborene Beamte das Amt des Landwirtschafts- und Umweltministers.

Umweltschützer, die selbst Hainburg-Veteranen sind, spendeten ihm Vorschusslorbeeren - seine wahre Haltung zur Umwelt muss er aber noch einmal beweisen. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 16.12.2013)

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    Vom wohlbestallten EU-Amt ins Ministerium: Rupprechter.

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