"Wir sind noch nicht dort angelangt, wo Mandela hinwollte"

13. Dezember 2013, 19:19
7 Postings

Am Sonntag nimmt Südafrika endgültig Abschied von Nelson Mandela

Dann wird der Sieger über das Apartheidregime in seinem Heimatdorf beerdigt. Die aktuelle Führungskaste weiß genau, dass sie sein Erbe bewahren muss – sonst droht im April die Abwahl.

Nelson Mandela war ein Mann der Ideale – und der Afrikanische Nationalkongress (ANC) seine Familie. Er lebte die Prinzipien, die er nach seinem langen Weg zum Frieden in Südafrikas Gesellschaft verankert und wachsen sehen wollte. Das unterscheidet ihn entscheidend von der heutigen Führung in der Demokratie, die Mandela als erster schwarzer Präsident verankerte. "Wir werden nie wieder einen Menschen wie ihn erleben" , zollte US-Präsident Barack Obama seinem Vorbild Tribut unter großem Beifall während der Trauerfeier diese Woche im FNB-Stadion in Soweto. "Er hat mich veranlasst, ein besserer Mann sein zu wollen."

Jener Mann aber, der die Geschicke des Landes und das politische Erbe Madibas in der Hand hält, ist von den zehntausenden Trauergästen mehrmals lautstark ausgebuht worden: Im Angesicht der versammelten Staatschefs der Welt, die zu Ehren Mandelas angereist waren, erlebte Präsident Jacob Zuma die bisher unangenehmste Situation seiner Amtszeit vor großem, ja globalem Pu­blikum. Ausgerechnet zu dem Anlass, der ausschließlich Mandela gehören sollte.

Südafrikas Demokratie funktioniert: Die Teilnehmer der Gedächtnisfeier zu Ehren Mandelas machten nicht halt, auch nicht in dieser besonderen Stunde. So hätte er es gewollt: Die Menschen taten da ihrem Unmut über die Regierung kund, wo niemand es vermutet hätte. Mit betretener Miene hielt Zuma seine Rede, die nach der glühenden Ode Obamas an einen außerordentlichen Helden nur noch steif wirken konnte. Der ANC dementierte später, ihr Präsident habe keine gute Figur abgegeben.

Unzufriedenheit mit Zuma

Bei aller Trauer, die tief in den Herzen der Südafrikaner über den Verlust ihres verehrten Befreiungshelden sitzt: Niemandem kann die Unzufriedenheit der Massen entgehen, die sich zweifellos auch an den Wahlurnen im kommenden April zeigen wird. Sie tanzen und jubeln, um Mandelas heroisches Leben zu feiern.

In diesen Tagen erweisen abertausende Menschen Mandela die letzte Ehre. Sie defilieren an seinem Sarg vorbei, der am Regierungssitz der Union Buildings in Pretoria aufgebahrt ist. Für Madiba werden ohne weiteres lange Wartezeiten, auch in aller Frühe, in Kauf genommen. Am Freitag wurden allein schon am Vormittag rund 50.000 Trauernde gezählt. Die Behörden, die sich nicht mehr zu helfen wussten, riefen über die Medien dazu auf, nicht mehr zu kommen – zu groß sei der Ansturm mittlerweile.

"Er hat für uns gekämpft, wir sind dankbar für unseren Frieden" , sagen viele Menschen in dieser Woche des Gedenkens – und meinen damit ihren Vater der Nation. Eine Ära ist zu Ende gegangen, und das Reflektieren, was die neue Verantwortung ist, beginnt mit seinem Abschied.

Trauerfeier als Mahnung

Elizabeth, eine Krankenschwester, sagt, die großen Feierlichkeiten und die Art, wie sie begangen wurden, würden die "jetzige Regierung genau daran erinnern, was sie zu tun hat" : nicht aufs Geld schauen, sondern als gutes Beispiel vorangehen – das vor allem ist den Menschen in Südafrika wichtig. "Wir sind noch nicht dort angelangt, wo Mandela hinwollte. Ich habe Vertrauen in uns und hoffe, wir ruinieren sein gutes Beispiel nicht."

Und da ist Elizabeths zwölfjährige Tochter Teso. Auch sie fühlt den Verlust eines Mannes, auch wenn sie ihn kaum gesehen hat. "Wir sind eine Nation. Wir können Verantwortung übernehmen und unsere Träume erfüllen."

Am Samstag, in den Morgenstunden, stand dann die Überführung des Leichnams auf dem Programm. Destination: Qunu, Mandelas Heimatdorf, 900 Kilometer südlich von Johannesburg gelegen. Hier wird er am Sonntag zur Ruhe gebettet – im Beisein von Ehrengästen und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen.  (Martina Schwikowski aus Johannesburg /DER STANDARD, 14.12.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    In der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria soll eine überlebensgroße Statue an Nelson Mandela erinnern.

Share if you care.