"Er war ein Gigant der Geschichte"

10. Dezember 2013, 18:20
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Der 10. Dezember 1993 war ein Festtag für Südafrika: Nelson Mandela und Präsident Frederik Willem de Klerk erhielten gemeinsam den Friedensnobelpreis. Genau 20 Jahre später nahm die Welt Abschied vom Nationalhelden.

Viva Madiba, viva!" Das Echo im Fußballstadion von Johannesburg hallt lange nach. Tausende singen, tanzen Toyi-Toyi, sind behängt mit den Flaggen Südafrikas und den grün-gelb-schwarzen Farben des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC). Ein Meer bunter Regenschirme tanzt am Spielfeldrand. Ein letztes Mal sind alle vereint in dieser Gedenkfeier für den am vergangenen Donnerstag verstorbenen Nelson Mandela.

Hier, in der in Soccer City, bekam Mandela tosenden Applaus, als er anlässlich der Fußball-WM 2010 die Welt grüßte. Jetzt ist die Welt angereist, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Rund 100 Staats- und Regierungschefs, Könige und Königinnen sind versammelt; unter den Gästen sind die US-Präsidenten Barack Obama, George W. Bush, Bill Clinton und Jimmy Carter; dann auch der britische Premier David Cameron und seine Vorgänger Tony Blair, Gordon Brown und John Major, aber auch Frankreichs François Hollande und Nicolas Sarkozy sowie Italiens Enrico Letta. Auch der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck erweist Mandela persönlich die letzte Ehre. Ein ranghoher offizieller Vertreter aus Österreich fehlt allerdings (siehe Artikel rechts).

Der strömende Regen kann niemanden davon abhalten, schon in aller Früh auf Einlass zu warten. Auf Kartons prangt Mandelas Porträt, aus Zeitungen geschnitten und aufgeklebt. Wer keinen Regenschirm hat, der kommt eben in Plastiksäcken. "Pula" (Regen in der Sprache Sesotho) ist ein Segen, heißt es: Die Ahnen heißen den Sohn willkommen.

Bewegte Massen

"Es ist eine unglaubliche Ehre, heute bei euch zu sein, um ein Leben wie kein anderes zu feiern", sagt Barack Obama, der erste afrikanischstämmige US-Präsident, unter jubelndem Beifall, der kaum rauschender sein könnte. "Mandela bewirkte auch, dass ich ein besserer Mensch werden wollte. Und wie gut haben wir seine Lehren in unser Leben eingebunden? Das frage ich mich als Mann und als Präsident." Ideale seien nicht genug: Sie müssen in Gesetze und in Verfassungen einfließen. Obama erinnert auch daran, dass Mandela bereit war, für sein Ideal einer freien und demokratischen Gesellschaft zu sterben. Die Massen im Stadion sind bewegt. Obama hat den Finger ganz eindeutig am Puls.

Beim Salut vor einem "Giganten der Geschichte", vergleicht Obama die südafrikanische Ikone mit Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Abraham Lincoln und würdigt ihn als "den letzten großen Befreier des 20. Jahrhunderts".

Die Südafrikaner sind sich der schweren Aufgaben bewusst, die auf sie warten. "Wir brauchen diese große Feier, das ist unsere Art zu trauern", sagt Elisabeth Mokoena, eine Krankenschwester. Und die 13-jährige Dora Matlala fügt bewegt hinzu: "Ich bin stolz darauf, dass er für uns gekämpft hat. Wir, die Jugend, werden da weitermachen, wo Madiba aufgehört hat".

Die junge Generation ist voller Respekt, gepaart mit Hoffnung. Sie feiert Mandela im Stadion gemeinsam mit den Eltern und den Großeltern.

Tiefe Trauer ist Mandelas Familie anzusehen. Das Gesicht seiner Witwe Graça Machel und jenes von Ex-Frau Winnie Madikizela Mandela, sie erzählen vom Verlust. Sie umarmen sich.

Am Rande von Obamas Auftritt kommt es zu einer kleinen, aber historisch sehr bedeutungsvollen Geste: Obama schüttelt dem kubanischen Staatschef Raúl Castro die Hand, man wechselt ein paar freundliche Worte. Das Verhältnis zwischen den beiden Staaten ist seit über fünf Jahrzehnten sehr angespannt und durch das US-Handelsembargo gegen den Karibikstaat schwer belastet. Vielleicht schafft Mandela auch hier posthum eine Verbindung.

Im Lauf der Woche sind weitere Gedenkveranstaltungen in allen Provinzen vorgesehen: Mandelas Leichnam soll von Mittwoch bis Freitag am Regierungssitz in der Hauptstadt Pretoria aufgebahrt werden. Die eigentliche Beisetzung des Nationalhelden soll dann am kommenden Sonntag in Mandelas Heimatdorf Qunu stattfinden - im kleinen Kreis. (Martina Schwikowski, DER STANDARD, 11.12.2013)

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    US-Präsident Barack Obama hält eine Rede.

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    Obama schüttelt Raúl Castro die Hand.

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    Großleinwände im Stadion.

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    Tausende waren bereits in der Nacht zur Trauerfeier für Mandela angereist.

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    US-Präsident Barack Obama und UN-Generalsekretär Ban Ki-moon werden bei der Trauerfeier sprechen.

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