Hautnahe Qualitäten

9. Dezember 2013, 17:12
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Die Tanzcompany des Tiroler Landestheaters mit "Hautnah" unter der Leitung von Enrique Gasa Valga

Eine Tänzerin im Abendkleid, reglos postiert am Bühnenrand; im halbdunklen Hintergrund, dem Publikum abgewandt, ein nackter Mann. Zu traurigen Melodien verkrampfen sich die Hände der Tänzerin. Kreischende Töne zerreißen die melancholische Harmonie, treffen die Frau mitten ins Herz, bringen sie beinah zu Fall. Mit dieser eindrucksvollen Szene beginnt Ángel Rodríguez sein Tanzstück Last Words, das an den Kammerspielen in Innsbruck als Teil der Tanztheaterproduktion Hautnah Premiere hatte.

Zu Franz Schuberts betörend schönem zweiten Satz von Der Tod und das Mädchen erzeugt Rodríguez poetische Bilder in Schwarzweiß. Er erzählt von Leben, Liebe, von Hass und vom Verrinnen der Zeit. Er lässt die Tänzer Worte hauchen: Time passes, never comes back, keep the moment! Ein Tanz mit Stühlen verdichtet sich gespenstisch. Das Leben scheint von Automatismen und Zwängen dominiert, bisweilen verzerren sich die Gesichter zum verzweifelten Schrei.

Am Ende prasseln Buchstaben auf die Tänzer, daraus formiert sich: Last Words. Im krassen Gegensatz dazu - schon musikalisch - das Tanzstück Platform des koreanischen Choreografen Chang Ho Shin. Zu schrillem Getöne von Balkan-Pop-Klängen entstehen tumultartige Szenen eines Bahnhofs. Gehetze und Gedränge, ein Sich-Begegnen mit lautstarkem Geplapper und Gewinke zum Abschied. Ein Scheinwerfer pickt sich einen Zuschauer aus der ersten Reihe, der flugs vom Ensemble umstellt und unerbittlich nachgeäfft wird. Das verlegene Lachen ebenso wie die abwehrende Handbewegung. Einmal mehr beweist die Tanzcompany des Tiroler Landestheaters unter der Leitung von Enrique Gasa Valga mit Hautnah, einer Produktion, die unter die Haut geht, eindrücklich ihr Können, ihre Präzision und Ausdruckskraft. (dns, DER STANDARD, 10.12.2013)

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