Semmeringbahn: Welterbe am Prüfstand

6. Dezember 2013, 19:07
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Die Unesco und ihre Berater prüfen, ob der Semmeringtunnel den Status der Semmeringbahn als Weltkulturerbe gefährdet

Michel Cotte schüttelt ungläubig den Kopf. Der Historiker von der Universität Nantes begutachtet eine bunte Landkarte, auf der das Unesco-Welterbe Semmeringbahn in gelbe und blaue Zonen unterteilt ist, in deren Mitte eine rote Linie verläuft, die Bahnstrecke. "Das ist sehr delikat", murmelt er, ehe er sich, Augenbrauen hochgezogen, an seine Sitznachbarin wendet.

Auch Kirsti Kovanens Blick verrät Ratlosigkeit. Die Generalsekretärin des Internationalen Rats für Denkmalpflege (Icomos) hat inzwischen in ihrem Laptop die "Retrospective Inventory" gefunden, die 2009 von Österreich und der Österreichischen Unesco-Kommission vorgenommen und von der Unesco in Sevilla akzeptiert wurde. Bei dieser Art Inventur - die Österreichische Unesco-Kommission nennt es Klarstellung - wurde das 1998 zur Welterbestätte erhobene 8737 Hektar große Gebiet entlang der historischen Gebirgsbahnstrecke kartiert und in Zonen geteilt. Kernzone (156 Hektar) ist nunmehr die historische Ghega-Bahn, während der weitaus größere Rest von 8581 Hektar zur "Pufferzone" wurde, die nun teilweise durch den Semmeringtunnel untergraben werden soll.

Dieser Umstand hat die Natur- und Landschaftsschutzorganisation Allianz für Natur (AFN) auf den Plan gerufen. Sie hatte in den 1990er-Jahren maßgeblich dazu beigetragen, der Unesco die Gebirgsbahn als Welterbe schmackhaft zu machen. Weil er Ghega-Bahn und Kulturlandschaft durch den Tunnelbau gefährdet sieht, hat AFN-Generalsekretär Christian Schuhböck am Donnerstag bei den Denkmalpflegern von Icomos in Paris Alarm geschlagen.

Rechtliches Problem

"Es scheint auch ein rechtliches Problem zu geben", sagt Kovanen, im Zivilberuf Architektin in Finnland, während sie auf das gut 200 Seiten starke Kompendium starrt, in dem Semmering-Welterbe sowie Tunnel und einhergehende Umweltprobleme aufgelistet sind. "Die offizielle Nominierung zum Welterbe 1998 ist sehr klar: Es wurden Bahn und Kulturlandschaft zum Welterbe erhoben."

Die bunte Karte mit der schmalen Kernzone und der riesigen Pufferzone ist es für sie offensichtlich nicht. "Wir können in Österreich anfragen" , sagt sie nach kurzer Nachdenkpause entschlossen, man werde ein Dossier anfordern über diese Entscheidung.

Auf die "Rote Liste der gefährdeten Welterbestätten" (siehe Wissen) könne Icomos eine gefährdete Welterbestätte nicht setzen, stellt Kovanen klar, "wir sind ja nur Berater der Unesco", und verweist auf die diplomatischen Gepflogenheiten der UN-Organisation für Bildung, Erziehung und Kultur (Unesco). Aber für Beobachtung ("Heritage at Risk") und Nachforschungen reiche der von AFN ausgelöste "Heritage-Alert" jedenfalls.

Spannend wird, wie Icomos Austria den Wandel am Semmering beurteilen wird. Der im Gremium für die Causa zuständige Experte Günter Dinhobl hat einen interessanten Hauptberuf: Er ist bei Tunnelbauer ÖBB-Infrastruktur neben Forschung für "Denkmalschutz/Welterbe" zuständig. (Luise Ungerboeck aus Paris, DER STANDARD, 7.12.2013)

Siehe dazu auch: Wiener Neustadt im Zentrum des "Study Land"

Wissen: Mahnendes Beispiel ist das Dresdner Elbtal. Die Kulturlandschaft nächst der sächsischen Hauptstadt Dresden wurde 2004 unter anderem aufgrund ihrer Landschaft, Architektur, Kunstsammlungen und "lebendigen Traditionen in Musik und bildender Kunst" in die Unesco-Welterbe-Liste aufgenommen. Bereits im Juli 2006 landete das Elbtal allerdings auf der "Roten Liste des gefährdeten Welterbes, 2009 wurde der Welterbetitel durch das Welterbe-Komitee aberkannt. Die Unesco sah den Bau der Waldschlösschenbrücke als landschaftszerstörend an.

Der Weg auf die Rote Liste ist mehrstufig und führt über den Internationalen Rat für Denkmalpflege (Icomos), das offizielle Beratungsgremium der Unesco. "Gesetzliche Regelungen oder Normen gibt es nicht", sagt Icomos-Generalsekretärin Kirsti Kovanen. "Der Status besteht durch die internationale Staatengemeinschaft, der Schutz der Welterbestätte obliegt dem Nationalstaat." Um Gefährdungen zu prüfen, holt Icomos International über den Unesco-Botschafter des Mitgliedsstaats Informationen ein - und beim nationalen Icomos-Komitee. So war es auch, als Icomos das Welterbe Wien durch den Neubau des Bahnhofs Wien-Mitte gefährdet sah. Bahnhof samt Hochhaus wurden schließlich verändert, das historische Zentrum Wiens blieb Welterbe. Aktuell prüft Icomos das Projekt Wiener Eislaufverein.

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    Insbesondere wegen des Doppelstock-Viadukts "Kalte Rinne" ist der Semmering Welterbe.

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