Ohne Hokuspokus in die Zukunft

Kommentar23. November 2013, 18:31
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Die Buchbranche muss sich mit der neuen Art des Lesens in E-Books auseinandersetzen

Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff hielt Mittwochabend auf der noch bis Sonntag geöffneten Messe Buch Wien eine Rede über die Zukunft des Buches. Nur Zustimmung kann es für ihre Aussage geben, ein Leben ohne Bücher sei "nicht vorstellbar". Auch ihre Kritik am globalen Onlineversandhändler Amazon - dessen Gründer Jeff Bezos in den USA mit dem Kauf der "Washington Post" in der Medienbranche für Furore sorgte -, das Unternehmen sei steuerschonend unterwegs und bezahle seine Angestellten "empörend schlecht", ist berechtigt. In Deutschland macht der Konzern mit prekären Arbeitsverhältnissen Schlagzeilen. Für Unbehagen hingegen sorgen Lewitscharoffs Aussagen, der "widerliche Club" ruiniere Buchhändler wie Verlage, auf den Tod dieser "verhassten Firma" würde die Schriftstellerin mit einem "Jubelruf auf den Lippen" reagieren.

Kein Verharren

Das Gefühl des Bedrohtseins von der Digitalisierung ist in einer Branche im Umbruch nicht erstaunlich und ernst zu nehmen. Das Verharren darin aber ist ein Irrweg. Erstens: Wer in einer Buchhandlung darauf hingewiesen wird, man müsse das gewünschte Buch erst bestellen, denkt spätestens beim zweiten oder dritten Mal selbst an den Onlinekauf. Zweitens: Disruptive Entwicklungen sollte man zu verstehen versuchen. Wer in den guten alten Zeiten schwelgt, wird die Spielregeln in einer sich verändernden Welt nicht mitbestimmen. Drittens: Kulturpessimismus ist weder neu noch originell. Besser setzen wir uns mit der neuen Art des Lesens in E-Books auseinander. Diese als "verschwindibushaft" zu bezeichnen erinnert an den Zauberspruch "Hokuspokus verschwindibus, dreimal schwarzer Kater". Nur damit wird die Digitalisierung auch nicht wieder weggehen.

Digitalisierung als Chance

Dass es auch anders geht, zeigt das Projekt "Fiktion" deutsch- und englischsprachiger Autoren, darunter die Literaturnobelpreisträgerin und Büchnepreisträgerin 1998, Elfriede Jelinek. Schriftstellerin und Beiratsmitglied Katharina Hacker sagte kürzlich laut einem online veröffentlichten Manuskript auf dem Kongress "E:Publish" in Berlin, dass der "Umgang mit Texten, die Möglichkeiten, die das Netz bietet, fruchtbar sein kann". Die Plattform "Fiktion" sieht in der Digitalisierung "Chancen für die Wahrnehmung und Verbreitung anspruchsvoller Literatur". Es entstehe der Eindruck, das Verlegen von Büchern, "die sich nicht sofort gut verkaufen", sei ein "karitativer Akt", heißt es in der im September veröffentlichten Deklaration. Man wolle sich deshalb "versuchsweise von den ökonomischen Notwendigkeiten der Verlagsbranche" abkoppeln, Titel kostenlos anbieten und an der Urheberrechtsdebatte teilnehmen.

Interessant ist auch, dass es den Verfassern nicht um die Imitation des gedruckten Buches geht, das es gewiss morgen noch geben wird. Weitsicht beweist die Forderung, es müsse ein "neues, die Konzentration förderndes digitales Leseformat" entwickelt und Open Source, also für jedermann modifizier- und nutzbar, angeboten werden. Man darf gespannt sein, ob aus Fiktion Realität wird. (Sabine Bürger, derStandard.at, 23.11.2013)

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