"Gender" soll vor allem nützlich sein

21. November 2013, 07:00
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Eine Studie untersucht die Entwicklungsfortschritte in Sachen Gleichstellung an skandinavischen Universitäten - Dänemark bleibt zurück

Kopenhagen - Der dänische Wissenschafter Mathias Wullum Nielsen hat sich für seine Doktoratsarbeit ein politikwissenschaftliches Spezialgebiet ausgesucht: Unter dem Arbeitstitel "New and persistent challenges to gender equality in academia" will er die strukturellen Hindernisse auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter an skandinavischen Universitäten erforschen.

Was die Botschaft über den Absender verrät

Im ersten Teil seiner Arbeit, den er mit "Gender Equality in Scandinavian Academia: A Comparative Perspective" betitelt, hat sich Nielsen angesehen, wie die Hochschulen beim eigenen wissenschaftlichen Personal für ihre Gleichstellungsprogramme werben. Denn seiner Ansicht nach gibt die Art und Weise, wie dieses Werben geschieht, darüber Auskunft, wie die Universitäten das Konzept von Geschlechtergerechtigkeit verstehen und was ihre Auffassung von der geschlechtergerechten Universität beinhaltet.

Dafür hat er sich je zwei Universitäten pro Land angesehen: Die Universitäten Oslo und Bergen in Norwegen, die Universitäten Uppsala und Lund in Schweden, sowie die Universitäten Kopenhagen und Aarhus (an der er auch seine Dissertation schreibt) in Dänemark.

Ein zentrales Argument

Beim Durchsehen ihrer Gleichstellungsprogramme zeigte sich für Nielsen ein starkes Argument, auf das sich alle sechs Universitäten stützen: Der Nutzen. Jener Nutzen, den die von der Universität als wünschenswert erachtete Gleichstellung für den Universitätsbetrieb habe. "Die utilitaristischen Argumente beinhalten die Rolle der Frauen als ungenutztes Potenzial im wachsenden internationalen Wettbewerb um Talente, internationalen Ruf, Innovationen und Qualität", beschreibt Nielsen.

Und er warnt: "Mit einem eindimensionalen Fokus auf Qualität, Wettbewerbsfähigkeit und Innovation, könnte das Thema Geschlechtergerechtigkeit auf die Frage der Talententwicklung reduziert werden." 

"Leichter genießbar" machen

Zumindest schwedische und norwegische Universitäten würden in ihren Positionspapieren zum Thema Gleichstellung auch andere Argumente anführen: Etwa Fairness oder Chancengleichheit oder den Schutz vor Diskriminierung. In den Texten der dänischen Universitäten fände sich hingegen nichts von alledem. Nielson interpretiert diese Haltung seiner Landsleute als Versuch, Gleichstellungsmaßnahmen sowohl innerhalb der Organisationen, als auch innerhalb der dänischen Gesellschaft "leichter genießbar" zu machen.

Ganzes Maßnahmenbündel...

Natürlich sah sich der Politikwissenschafter auch die Methoden an, die die einzelnen Universitäten wählen um Gleichstellung in ihrem Wissenschaftsalltag zu etablieren. Er kommt dabei zu dem Ergebnis, dass Norwegen hier über die "besten Methoden" verfügt. Es handle sich dort um einen Mix aus moderaten Genderquoten, finanziellen Anreizen, sowie der gezielten Rekrutierung von akademischem Personal zu außerordentlichen und AssistenzprofessorInnen.

Erfolgreiche Schweden

Schweden ist seiner Analyse zufolge aber jenes Land mit den größten Entwicklungsfortschritten auf dem Gebiet der Gleichstellung. Denn die Schweden haben Nielsons Ansicht nach große Anstrengungen unternommen um inklusive Forschungslandschaften zu etablieren und sie würden zu "bottom-up"-Initiativen wie etwa dem AKKA-Programm tendieren. Dabei handelt es sich um ein einjähriges Trainingsprogramm für akademische Führungskräfte, die monatliche Seminare mit Gender-Experten besuchen, sowie eigene Projekte zum Thema umsetzen können.

Zudem würde in Schweden an Sanktionsmaßnahmen für jene Institutionen gearbeitet, die die notwendigen Gleichstellungsmaßnahmen nicht im akademischen Umfeld umsetzen.

...oder einfach nichts

An den dänischen Hochschulen wurde er diesbezüglich erst gar nicht fündig: Es gibt schlicht und einfach keine universitäre Selbstverpflichtung zu Gleichstellungsmaßnahmen.

Nielson erklärt sich das folgendermaßen: "In Dänemark fußt die Debatte auf der Idee, dass ein beachtliches Maß an Gleichstellung bereits erreicht worden sei. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Art und Weise wie Gender-Fragen an den Universitäten diskutiert werden." Nielson glaubt auch, dass die Frauenbewegungen in Norwegen und Schweden ihren Beitrag dazu geleistet haben, wie die Hochschulen dieser Länder an das Thema herangehen.

2015 soll die Forschungsarbeit fertig sein,  bis dahin will Nielson auch die Personalauswahl an den Universitäten und die individuellen Forschungsergebnisse der Mitarbeiter aus dem Gender-Blickwinkel genauer analysiert haben. (riss, dieStandard.at, 21.11.2013)

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    "Der Muse reicht's", nannte die österreichische Künstlerin Iris Andraschek ihre Arbeit zum Thema Gleichstellung von Frauen und Männern an den Universitäten. Ein dänischer Wissenschafter will wissen, wie weit man in Sachen Gleichstellung beim Vorbild Skandinavien ist.

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