Überaktive Blase: Mini-Kapsel zur besseren Abklärung

18. November 2013, 14:32
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Neues Messsystem ermittelt Druck in der Harnblase über 72 Stunden hinweg ermittelt werden kann

Messungen des Drucks, sogenannte urodynamische Messungen der Harnblase werden seit mehr als 40 Jahren durchgeführt. "Allerdings sind die Ergebnisse gemäß Literatur in bis zu 58 Prozent ohne einen pathologischen Befund, obwohl deutliche klinische Beschwerden bestehen", sagt Jan Mehner, Inhaber der Professur Mikrosystem- und Gerätetechnik an der Technischen Universität Chemnitz.

Dies könne daran liegen, dass bisherige Messungen nur über einen Zeitraum 20 bis 30 Minuten Dauer stattfinden. "Der Bedarf einer Langzeiturodynamik war immer gegeben, konnte allerdings bislang ohne Messkatheter nicht realisiert werden", erklärt Mehner den Hintergrund eines Forschungsprojektes, bei dem die Professur für Mikrosystem- und Gerätetechnik der TU Chemnitz und die Klinik und Poliklinik für Urologie an der Uniklinik Köln kooperieren. 

Heftiger Harndrang

Die Chemnitzer Elektrotechniker und die Kölner Mediziner entwickelten ein Messsystem, das eingesetzt werden soll zur Diagnostik bei einer überaktiven Blase und bei Detrusorüberaktivitäten. An einer überaktiven Blase leiden primär Frauen. Symptome sind plötzlicher heftiger Harndrang und häufiges Wasserlassen. "Bei betroffenen Patienten muss abgeklärt werden, ob auch eine Detrusorüberaktivität vorliegt", erklärt Sebastian Wille von der Universitätsklinik in Köln. Hierbei handelt es sich um eine unwillkürliche Kontraktion des Blasenmuskels, die häufig zu Urinverlust führt. "Nur wenn hier eine eindeutige Diagnose gestellt werden kann, ist auch eine optimale Therapie möglich, da überaktive Blase und Detrusoraktivitäten unterschiedlich behandelt werden", sagt Wille.

Mit dem Messsystem wurde die Grundlage für eine katheterlose Langzeiturodynamik geschaffen. Von dem Konzept, bestehend aus drei Komponenten, verspricht sich das Team wegweisende Diagnosen, die eine gezieltere Therapie gestatten und Patienten vor unangenehmen medikamentösen Nebenwirkungen verschonen. Herzstück des Sensorsystems ist die Messkapsel, die endoskopisch in die Harnblase eingebracht wird und über einen Zeitraum von drei Tagen den Druck misst. 

Endoskopische Implantation

"Der Einsatz eines MEMS-Drucksensors ermöglicht im medizinischen Anwendungsbereich erstmals Baugrößen, die eine endoskopische Implantation ermöglichen", so Dirk Tenholte, der das Projekt an der Professur Mikrosystem- und Gerätetechnik betreut. MEMS steht für "Mikro-Elektro-Mechanisches System" – die Bauteile haben eine Größe von circa vier mal vier Millimetern. "Trotz der geringen Baugröße und der damit verbundenen Limitation bei der Energieversorgung ist es uns durch die Entwicklung effizienter Messalgorithmen gelungen, eine Messzeit von über 72 Stunden zu erreichen", ergänzt Tenholte. Die beiden weiteren Komponenten des Systems sind eine Inkontinenzhose/-vorlage zur Detektion von unwillkürlichem Urinverlust und ein digitales Miktionstagebuch.

Die ersten Tests des Messsystems, das bisher noch nicht am Menschen erprobt wurde, bewerten die Wissenschaftler als Erfolg. "Da auch die Untersuchungen zur Biokompatibilität ohne Beanstandung waren, planen wir für Anfang 2014 die rsten klinischen Tests des neuen Sensorsystems", sagt Wille. (red, derStandard.at, 18.11.2013)

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