Nobelpreisträgerin Doris Lessing gestorben

17. November 2013, 15:37
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Hauptwerk der Autorin, "Das goldene Notizbuch", setzte Maßstäbe, was das Nachdenken über menschliches Zusammenleben betrifft

London - Als Doris Lessing 2007 mit 88 Jahren den Literaturnobelpreis bekam, war das gewissermaßen, als ehrte die Schwedische Akademie damit eine andere, wenn man es etwas verkürzt sagen will, eine weibliche Art zu schreiben und zu denken. Was ihr 800 Seiten umfassendes Hauptwerk, Das goldene Notizbuch (1962), so herausfordernd wie faszinierend macht, ist jeglicher Mangel an Linearität. Erzählt wird von zwei alleinerziehenden Freundinnen, der Schriftstellerin Anna und der Schauspielerin Molly; jedoch ganz ohne jenen herrschaftlichen Formwillen, wie er einer männlich-allwissenden Form des Schreibens zu eigen ist.

Hier zerfällt das Selbst ebenso wie die Welt, die es umgibt; konsequenterweise besteht das eine, goldene Notizbuch also aus vieren, einem roten, schwarzen, gelben und blauen. Hier versucht Anna, sich zu sortieren, hier ringt sie mit der Kommunistischen Partei ebenso wie mit der Kunst und der eigenen Psyche. Gesucht wird ein Ausweg aus dem allumfassenden Chaos, als das das Leben empfunden wird - aber eben genau nicht durch zwanghafte Subsumtion unter eine Ordnung, sondern durch das Zulassen der Vielfalt. So wird hier auch das Frau-Sein der Protagonistinnen nicht ausgespart - der Sex, den sie haben, Orgasmen, Menstruation, Mutterschaft. Wäre der Vorwurf einer auktorialen Sicht, nicht zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden zu können, so ist die Antwort hier: Alles ist wichtig. Womöglich verbinden Frauen damals wie heute deshalb oft eine Art Erweckungserlebnis mit diesem Roman, oder, wie Susanne Mayer in der Zeit unlängst schrieb: "Wir lasen es alle, gierig."

Mit Sicherheit liegt das aber auch daran, dass Lessing einen Weg fand, von einer Welt zu erzählen, der mit einer einzigen Perspektive schon lange nicht mehr beizukommen war. 1919 als Tochter eines britischen Kolonialoffiziers und einer Krankenschwester zur Welt gekommen, verbrachte sie große Teile ihrer Kindheit in der britischen Kolonie Südrhodesien, dem heutigen Simbabwe. Es war keine schöne Kindheit. Das Leben der Siedler erschien ihr ebenso bedrückend wie die Lage der Einheimischen, so genannten "Wilden" - Eindrücke, die sich in ihrem Schreiben immer wieder bemerkbar machen. In zweiter Ehe heiratete sie 1945 Gottfried Lessing, der Deutschland wegen seiner jüdischen Herkunft hatte verlassen müssen. Er wiederum war zeitweise Funktionär der kommunistischen Partei.

Es sind alle diese Verbrechen gegen jedwede Menschlichkeit, der erlebte Kolonialismus und Rassismus, der Nationalsozialismus und das blutige Scheitern der kommunistischen Utopie, die Eingang in Doris Lessings Schreiben fanden - ergänzt um ihre Erfahrungen als weibliche Schriftstellerin in einer Zeit, in der für Frauen noch nicht einmal zwingend Berufstätigkeit vorgesehen war.

Hölle des Zusammenlebens

Nun ist ihr Schaffen nicht begrenzt auf das monumentale Notizbuch, Lessing hat unzählige weitere Erzählungen und Romane verfasst, darunter etwa Die Kluft (2007). Hier imaginiert sie eine mythische Ur-Gesellschaft der "Spalten", die so etwas wie Männer gar nicht kennen. Lessing fragt in dem Roman, was passiert, wenn "die Männer" in diese Welt hereinbrechen. Und sie zeigt, wie schwierig, ja mörderisch sich das wechselseitige Nicht-(An-)Erkennen und -Verstehen auswirkt.

Man übersehe viel im Denken und Schreiben von Lessing, so man sie nur als Autorin "der Frauen" gegen "die Männer" deute. "Wollen sie wirklich, dass man allzu vereinfachende Aussagen über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen macht?", sagte sie dazu einmal der New York Times. Was sie beschäftigte, war das menschliche Zusammenleben im Ganzen, und wie es sich die Menschen durch Herrschaftswillen und Ignoranz gegenseitig zur Hölle machen.

Dagegen engagierte sie sich nicht nur im Schreiben, sondern auch politisch - als Kommunistin, als Gegnerin der Atomwaffen oder des Apartheidregimes in Südafrika. Doris Lessing ist Sonntagmorgen mit 94 Jahren in ihrer Londoner Wohnung friedlich eingeschlafen. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 18.11.2013)

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    Tränen der Freude: 2007 erhielt Doris Lessing den Nobelpreis für Literatur.

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