Erdogan redet von "Kurdistan"

17. November 2013, 20:53
82 Postings

Symbolträchtiger Auftritt mit Barsani in Diyarbakir

Das Staatsfernsehen hat nachkorrigiert, aus Pflichtgefühl oder auf Weisung: Tayyip Erdogan hat zum ersten Mal in aller Öffentlichkeit das Wort "Kurdistan"  in den Mund genommen – bei TRT aber erhielt die Rede des türkischen Premiers am vergangenen Wochenende in Diyarbakir ein Insert, in dem – wie sonst üblich – "kurdische Region"  stand für das Autonomiegebiet der Kurden im Nordirak. Denn "Kurdistan"  ist ein gefährliches Wort für die Türken, die stets um den territorialen Bestand ihrer Republik fürchten. Oder es war zumindest eines bis zu dieser Rede des türkischen Regierungschefs.

Tayyip Erdogan traf sich vergangenen Samstag mit Massud Barsani, dem Präsidenten der autonomen Kurdenregion im Nordirak. Der besuchte erstmals Diyarbakir, die inoffizielle Hauptstadt der Kurden in der Türkei.

"Wir sind Brüder"

"Wir sind Brüder, vom Anbeginn der Zeit bis zum Ende der Zeit", verkündete Erdogan vor Zehntausenden von Zuhörern, die selbst einen ungewohnten Anblick boten: Kurdische Fahnen in den Grün-Gelb-Roten wogten in der Menge, türkische Fahnen
und solche mit der gelben Glühbirne, dem Symbol von Erdo-
gans konservativ-religiöser Partei AKP.

"So Gott will, wird die Zukunft sehr anders sein" , fuhr Erdogan fort. "Wir werden jene, die in den Bergen sind, herabsteigen sehen, leere Gefängnisse sehen, und dass wir zusammen eine Türkei sind" , sagte der Premier voraus und meinte damit die Rückkehr der Kämpfer der kurdischen Untergrundarmee PKK und deren Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Auch Barsani warb um Unterstützung für den Friedensprozess zwischen der PKK und dem türkischen Staat.

Massenhochzeit und Duett

Der symbolträchtige Doppelauftritt war damit noch nicht zu Ende: Erdogan und Barsani standen als Ehrengäste einer Massenhochzeit von 400 Brautpaaren bereit. Der kurdische Sänger, Unternehmer und Erdogan-Freund Ibrahim Tatlises und der Musiker Şivan Perver traten dabei im Duett auf; Perver war 1976 ins Exil gegangen und kam, Barsani begleitend, nun erstmals in die Türkei.

Barsanis vergangene Woche offenbar rasch entschiedener Besuch in Diyarbakir ließ die Kurdenpartei BDP in der Türkei perplex zurück. Sie kritisierte den Auftritt des Kurdenführers aus dem Irak als Wahlhilfe für Erdogan. Im März stehen Kommunalwahlen an; 2009 hatte die AKP im kurdischen Südosten Verluste erlitten.

Barsani selbst war in der Vergangenheit mehrfach in Ankara, nie aber in Diyarbakir. Kommentatoren interpretierten Erdogans Einladung an Barsani als Versuch, einen Keil zwischen die türkischen Kurden zu treiben; die türkische Regierung brauche nicht unbedingt den PKK-Gründer Öcalan für den Friedensprozess, sollte die Botschaft lauten. Zudem sind Ankara wie Barsani gegen die kurdische PYD in Syrien. (Markus Bernath aus Istanbul  /DER STANDARD, 18.11.2013)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der türkische Premier Erdogan traf irakischen Kurdenführer Barzani (Zweiter von links).

Share if you care.