Rundschau: Das war das Jahr 1 nach dem Weltuntergang

    Ansichtssache18. Jänner 2014, 10:00
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    Die besten SF-Romane 2013 im Schnelldurchlauf - plus Neuvorstellungen von John Scalzi, Robert Charles Wilson, Stephen Baxter und Will McIntosh

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    coverfoto: tor books

    Robert Charles Wilson: "Burning Paradise"

    Gebundene Ausgabe, 319 Seiten, Tor Books 2013

    Nachdem man sich mittlerweile selbst bei großen Namen nicht mehr auf eine Übersetzung ins Deutsche verlassen kann, habe ich dieses Buch gleich bei Erscheinen bestellt. Immerhin hat uns der Kanadier Robert Charles Wilson in den vergangenen 15 Jahren einige Romane mit erheblichem Staun-Faktor beschert - allen voran natürlich die "Spin"-Reihe. Auch "Burning Paradise" zeigt wieder Mut zur Größe und diese spezielle Wilson-Konstellation, in der sich der Mensch wie ein Staubkorn neben Vorgängen auf der kosmischen Ebene ausnimmt und trotzdem zählt.

    Welt mit Kuschel-Faktor

    Das ist jetzt der vierte oder fünfte Roman, den ich innerhalb eines Jahres gelesen habe, in dem uns eine alternative Gegenwart präsentiert wird, die im Vergleich zur unseren recht kuschelig wirkt. Kriege und sonstige Konflikte gibt es kaum - vor allem aber ist es eine analoge Welt ohne Computer und digitalisierte Kommunikationsindustrie. An einen Zufall glaube ich da langsam nicht mehr. Wenn es sich tatsächlich um einen literarischen Trend handelt, dann dürften darin Überwachungsängste (spätestens seit den 90ern latent vorhanden und durch den NSA-Skandal mittlerweile für jedermann ein Thema) ebenso zum Ausdruck kommen wie ein allgemeines Unruhegefühl über eine immer schneller immer komplizierter werdende Welt. Bezeichnenderweise hat eine der Hauptfiguren von "Burning Paradise", die Literaturwissenschafterin Nerissa, ein Faible für Antiquariate und liebt den Geruch von Tinte.

    Die Romanwelt ruht in the comforting near-certainty that the world was every day a little wealthier and a little more just. Aber es ist halt nicht nur eine beruhigende, sondern auch eine beruhigte Welt. Außerirdische Maschinen sorgen mit sanfter Einflussnahme dafür, dass die Menschheit keine selbstzerstörerische Richtung einschlägt. Doch nicht etwa aus reinem Gutmaschinentum, sondern weil sie die Infrastruktur eines lebensfähigen Planeten benötigen, um sich zu vermehren und zu weiteren Planeten gelangen zu können. Dieses Szenario erinnert mich stark an eine Kurzgeschichte von Isaac Asimov aus dem Jahr 1957 ("Does a Bee Care?"), in der die ganze Entwicklung der Menschheit letztlich nur dazu dient, den Abkömmling einer außerirdischen Saat ins All zu befördern.

    Bedrohung ohne Feind

    Auch bei Wilson ahnt die Menschheit freilich nichts von ihrer Funktion. Man weiß, dass in der Atmosphäre eine Schicht liegt, die Radiowellen verstärkt, hält dies aber nur für ein nützliches natürliches Phänomen. In Wahrheit ist dies die aus unzähligen Nanomaschinen bestehende hypercolony, die ohne steuerndes Bewusstsein und dennoch zielgerichtet die Menschheit beeinflusst - ein kosmischer Ameisenstaat. Klingt ein bisschen nach einer Idee, die aus den Hypothetischen von "Spin" heraus entwickelt wurde, und wirft dieselbe an Religion streifende Frage auf wie "Spin": Was tun, wenn tatsächlich ein "Gott" seine schützende (und diesmal auch lenkende) Hand über die Welt hält?

    Für die große Mehrheit der Menschen ist dies aber wie gesagt mangels Kenntnis kein Thema. Nur die Correspondence Society weiß von der außerirdischen Kolonie, ein Geheimbund von AkademikerInnen, unter dessen ehemaligen Mitgliedern sich übrigens passende Namen wie Enrico Fermi, Freeman Dyson und John von Neumann finden. Ihre besten Zeiten hat die Society allerdings hinter sich: Ihre verbliebenen Angehörigen halten sich bedeckt, seit ein paar Jahre zuvor ein Großteil der Society-Mitglieder ausgelöscht wurde. Initiiert hatte das Massaker die Kolonie, die in Form von Simulacra mit menschlichem Äußeren auch direkt einschreiten kann. Auch diese Sims sind übrigens keine bewusst agierenden Wesen, auch wenn sie ganz den Eindruck von eigenständiger Intelligenz vermitteln. Wie die atmosphärische Kolonie selbst folgen auch sie ausschließlich ihren einprogrammierten Algorithmen: "Burning Paradise" zeichnet das faszinierende Bild einer intelligenten Bedrohung ohne Feind.

    Road Movie

    Kein Wunder jedenfalls, dass die 18-jährige Cassie aus Buffalo sofort die Flucht ergreift, als sich etwas, das ganz nach einem Sim aussieht, auf ihr Haus zubewegt. Als Tochter zweier getöteter Society-Mitglieder weiß sie schließlich, was für eine Gefahr ihr da drohen könnte. Von nun an sind Cassie, ihr kleiner Bruder Thomas und zwei weitere Jugendliche auf sich allein gestellt und permanent darum bemüht, den elektronischen Augen der Kolonie zu entgehen. Hat ein bisschen was von John Twelve Hawks' "Traveler"-Reihe, doch ist Wilson ein poetischerer Erzähler: Small houses leaked yellow light from curtained windows. These were the homes of people who had never seen past the skin of the world and never would. Once, Cassie thought, she had been one of them.

    Etwas weiter südlich sind weitere Menschen on the road: Cassies Tante Nerissa und ihr Ex-Mann, der Entomologe Ethan. Diese beiden stehen vor der Frage, was nun wichtiger ist: Die Kinder finden oder Kontakt zum Society-Anführer Werner Beck zu knüpfen. Der versteht sich als Alleinorganisator des Widerstands und plant einen entscheidenden Schlag gegen die Kolonie. Doch hat er dafür überhaupt die Mittel? Oder gefährdet er mit seinem monomanischen Vorgehen nur die übrigen Mitglieder? Und letztlich bleibt noch ein großes moralisches Dilemma: Soll man die Kolonie, die der Menschheit doch unbestritten auch viel Gutes getan hat, überhaupt bekämpfen?

    Verschenkte Chance

    Es sind diese Fragen, die den Roman tragen. Leider müssen sie ihn aber auch allein tragen, denn ein großer Plot-Motor stellt vorzeitig die Arbeit ein: Nach meinem Dafürhalten wird viel, viel zu früh erklärt, was es mit der hypercolony auf sich hat (sonst hätte ich es hier auch nicht verraten). Da wäre noch um einiges mehr an Spannung drin gewesen - eine verschenkte Chance.

    Robert Charles Wilson wird regelmäßig dafür gepriesen, dass er stets die richtige Balance zwischen Cosmic Drama und Human Drama bzw. zwischen Science Fiction und mimetischer Mainstreamliteratur findet. Banaler formuliert: Wilson weiß wie kaum ein anderer, wieviel SF-Vokabular er einbauen darf, um für alle LeserInnen, nicht nur für SF-Fans, verständlich zu bleiben. Das gilt auch für "Burning Paradise", auch wenn es meiner Meinung nach die Magie von Wilsons Glanztaten wie "Spin", "Darwinia" oder "Julian Comstock" nicht erreicht.

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