Rundschau: Das war das Jahr 1 nach dem Weltuntergang

    Ansichtssache18. Jänner 2014, 10:00
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    Die besten SF-Romane 2013 im Schnelldurchlauf - plus Neuvorstellungen von John Scalzi, Robert Charles Wilson, Stephen Baxter und Will McIntosh

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    coverfoto: orbit

    Will McIntosh: "Love Minus Eighty"

    Klappenbroschur, 421 Seiten, Orbit 2013 

    Nach ihrem Tod und 80 Jahren "Kälteschlaf" erwacht die ehemalige Soldatin Mira in einem ... Dating-Center. Die Frauen, die hier gelagert sind, werden für ein paar Minuten partiell aufgetaut, wann immer ein Interessent das Center besucht: Nur ihr Gesicht; das reicht aus, um mit dem Kunden zu interagieren und ihn binnen fünf Minuten zu überzeugen, dass er die Kosten für eine komplette Wiederbelebung übernimmt. Und als wäre das nicht schon hart genug, ist für Mira alles noch ein Stück komplizierter: Sie ist lesbisch und ihre ehemalige Freundin liegt auch irgendwo in den endlosen Lagerhallen des Centers ...

    So lautete das Szenario von Will McIntoshs Kurzgeschichte "Bridesicle" ("Brautzapfen" klingt irgendwie nicht so gut), die 2010 mit dem Hugo Award ausgezeichnet wurde. Inzwischen hat der US-amerikanische Autor seine Erzählung zu einem nicht minder großartigen Roman ausgebaut. Miras kurze Wachphasen, die oft mitleiderweckend und manchmal auch tragikomisch wirken, werden dabei in längeren Abständen über den gesamten Roman verstreut. Im Mittelpunkt der Handlung stehen nun andere Schicksale.

    Die Hauptfiguren

    Rob ist ein junger Musiker aus einfachen Verhältnissen, den sich eine egomanische Luxus-Tussi aus der Oberschicht geangelt hat. "Oberschicht" darf man übrigens wörtlich verstehen, denn die High Town von Manhattan ist eine atemberaubende Himmelsstadt, die auf Kohlenstoff-Pfeilern über dem heruntergekommenen alten New York thront. Als Rob in bemerkenswert arschlochiger Weise den Laufpass bekommt, überfährt er in seinem Schockzustand eine andere Frau, die daraufhin in besagtem Dating-Center eingelagert wird. Aus Schuldgefühlen heraus beginnt Rob die Frau zu besuchen und stellt dafür sogar sein Leben um: Immerhin kosten ihn alleine schon die Kurzbesuche jeweils mehrere tausend Dollar; eine echte Wiederbelebung liegt weit jenseits von Robs Möglichkeiten. Aus Schuld wird langsam mehr, doch beginnt Rob die Zeit davonzulaufen - denn wer keine wirklich zahlungskräftigen Kunden anlockt, kommt endgültig unter die Erde.

    Um zwei Ecken herum läuft die Verbindung zur zweiten Hauptfigur des Romans: Veronika, einer versierten Dating-Trainerin - selbst aber ironischerweise völlig glücklos in der Liebe. Veronika fasst den Entschluss, endlich einmal in ihrem Leben etwas Bedeutsames zu tun. Sie setzt sich an eine Brücke und wartet auf Selbstmörder, um sie vom Springen abzuhalten. Als endlich einer kommt, versagt sie.

    In der Kurzfassung mag das alles ein wenig rührselig klingen, aber davon ist "Love Minus Eighty" weit entfernt. Tatsächlich handelt es sich um ein großartiges und sehr glaubwürdig beschriebenes Science-Fiction-Szenario. Ein Gesellschaftsbild, das zur Abwechslung mal nicht an etwas Kriegerischem oder Kriminellem aufgezogen wird, sondern an zwischenmenschlichen Beziehungen. In dem Punkt ähnelt McIntoshs Welt des 22. Jahrhunderts den Visionen von David Marusek ("Getting To Know You", "Counting Heads"). Wie auch in dem Umstand, dass es sich weder um eine utopische noch um eine dystopische Welt handelt. Es gelten einfach nur neue Tatsachen. Und zwar informationstechnologische.

    Die Liebe im 22. Jahrhundert

    Wie aber sieht die Liebe im 22. Jahrhundert aus? Zunächst einmal ist sie hochgradig durchorganisiert - Veronikas Beruf als Dating-Coach ist bezeichnenderweise einer mit Universitätsausbildung. Schließlich gilt es Faktoren wie attractiveness ratings, desire to procreate, BMI, cognitive patterning, IQ, emotional stability quotient und vieles mehr zu kalkulieren. Die Privatsphäre ist weitgehend erodiert: Jeder ist mit seinem am Körper getragenen system mit dem weltweiten Netz verbunden und kann jederzeit Infos über jeden anderen via Augmented Reality abrufen; inklusive Bewertungen von dessen Aussehen durch Rating-Agenturen.

    Nur selten genießt man die volle Aufmerksamkeit seines Gegenübers: Die meisten führen mehrere subvokalisierte Kommunikationen zur gleichen Zeit. Überwachungskameras liefern gegen Gebühr auch Daten für private Anfragen. Und schließlich sind da noch die virtuellen screens, die einen zumindest im öffentlichen Raum jederzeit umflattern wie Schmetterlinge und die das tägliche Leben einer Person zur Telenovela für beliebig große Zuschauermengen machen können. (Die Projektionstechnologie für diese screens, die offenbar auch außerhalb der Augmented Reality aufpoppen, ist mir zwar nicht ganz klar, aber sei's drum.) Rob bekommt diese spezielle Weiterentwicklung des Facebook-Exhibitionismus unserer Tage am eigenen Leib zu spüren, als ihn seine miese Ex-Freundin nicht einfach nur absägt, sondern das auch noch als große Show inszeniert.

    Phönix aus der Asche

    Verblüffenderweise hat McIntosh "Love Minus Eighty" auf derselben Zeitlinie wie seinen früheren Weltuntergangsroman "Soft Apocalypse" angesiedelt. Es drängt sich die Frage auf, wie geradezu Gernsback'sche Visionen - siehe die Himmelsstädte der Reichen und Schönen - die Zukunft einer Zivilisation sein können, die aus Ressourcenmangel kollabierte. Aber diese Zukunft strahlt ja auch nicht überall: In Low Town lebt man zwar nicht im Elend, aber doch sehr bescheiden. Und außerhalb der Metropolen liegt nur noch Wildnis. Es ist, als hätte sich McIntosh Gary Westfahls Gesetz von der Leistbarkeit neuer Technologien zu Herzen genommen. Die Möglichkeiten - bis hin zur Heilung von Krebs und der Wiederbelebung der Toten - sind da; aber nur die Wenigsten haben das Geld dafür.

    Und hier erhält auch das auf den ersten Blick grotesk wirkende System mit den tiefgekühlten Bräuten seine Plausibilität. Ja, es ist grausam, binnen Minuten jemanden überzeugen zu müssen, dass er einen ins Leben zurückholt. Und dann vertraglich bis ans Lebensende an ihn gebunden zu sein - eine Mischung aus Zwangsehe und Prostitution. Und ja, es ist ebenso grausam, dass "Ladenhüterinnen" nach einiger Zeit beseitigt werden. Andererseits ist ein Wiederbeleben aller als Standardprozedur einfach nicht finanzierbar - damit bleibt das Bridesicle-Programm bei allem inhärenten Zynismus immer noch die einzige Chance, dem Tod zu entkommen. Insgesamt ein wirklich gut konstruiertes Dilemma.

    Unbedingt lesenswert

    Soziales Gefälle ist eines der zentralen Themen des Romans. Siehe Rob, der sich monatelang bei einer stumpfsinnigen Arbeit in einer Recyclinganlage abrackern muss, um fünf Minuten im Dating-Center herauszuschlagen. Siehe auch eine beschämende Begegnung Veronikas mit Menschen der Wildnis: Mit der vollen Naivität einer Touristin aus der Ersten Welt tappt sie in eine Situation, die sie plötzlich weniger pittoresk als bedrohlich empfindet, und handelt den Betroffenen damit auch noch Probleme ein.

    Es ist diese Betonung der sozialen Aspekte, die "Love Minus Eighty" erdet und die für sich schon sehr lesenswerte Kombination von durchdachtem Worldbuilding und zu Herzen gehenden Einzelschicksalen mit zusätzlicher Tiefe versieht. Und die es zu einem der besten Bücher macht, die ich 2013 gelesen habe. Große Empfehlung!

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