Rundschau: Das war das Jahr 1 nach dem Weltuntergang

    Ansichtssache18. Jänner 2014, 10:00
    56 Postings

    Die besten SF-Romane 2013 im Schnelldurchlauf - plus Neuvorstellungen von John Scalzi, Robert Charles Wilson, Stephen Baxter und Will McIntosh

    Bild 17 von 24
    coverfoto: heyne

    John Scalzi: "Die letzte Einheit"

    Broschiert, 621 Seiten, € 10,30, Heyne 2013 (Original: "The Human Division", 2012)

    Und da ist es jetzt also, das Buch, auf das John-Scalzi-Fans so sehnsüchtig gewartet haben: Ein neuer Roman (oder Quasi-Roman) aus der beliebten "Krieg der Klone"-Reihe des US-amerikanischen Durchstarters von 2005. Damit beenden wir zugleich das Kurzrezensionen-Zapping bereits vorgestellter Bücher und widmen uns wieder etwas ausführlicheren Betrachtungen.

    Das Szenario

    Zur Erinnerung, es ist ja schon einige Zeit her: Wir befinden uns ein paar Jahrhunderte in der Zukunft und die Menschheit hat im Rahmen der Kolonialen Union eine Reihe von Sternsystemen in Besitz genommen - auf der Erde selbst würden wir Menschen des 21. Jahrhunderts uns aber noch recht gut zurechtfinden. Die wird nämlich von der KU in künstlicher Stagnation gehalten und dient als menschliches Ressourcenlager: Für Aussiedlungswillige ebenso wie für SoldatInnen - Letztere in Form alter Menschen, denen das unwiderstehliche Angebot gemacht wird, sie mit einem verjüngten und technisch hochgerüsteten Körper auszustatten. Auch wenn sie ihn dafür in die Schlacht werfen müssen, denn die KU führt am laufenden Band Kriege gegen diverse Alien-Völker.

    Die bisherige Romanreihe endete mit dem Zwischenstand, dass der KU ein dicker fetter Strich durch die Rechnung gemacht wurde. Eine Reihe von außerirdischen Spezies hat sich in der Konklave zusammengetan (hier heißt es immer die Konklave) und mit Hilfe eines ehemaligen Soldaten die Erde über ihre Rolle als Opfer eines jahrhundertelangen Missbrauchs aufgeklärt. Seitdem herrscht zwischen Erde und KU weitgehend Funkstille.

    Aber natürlich will die KU diese Schlappe nicht so einfach hinnehmen, schließlich droht ihr ohne weiteren Menschennachschub der Untergang. Sie wird an allen diplomatischen Fronten aktiv, und hier kommen auch die Hauptfiguren von "Die letzte Einheit" ins Spiel. Allen voran Harry Wilson und Hart Schmidt, zwei Angehörige des Teams der kratzbürstigen Botschafterin Ode Abumwe (der Roman hat eine auffallend hohe Frauenquote, nebenbei bemerkt). Als B-Team werden sie vorgestellt, denn wirklich wichtige Aufgaben traut man Abumwe und ihren Leuten nicht zu. Bis sie wegen eines Notfalls einspringen müssen, sich erstaunlicherweise bewähren und dann mit weiteren kniffligen Fällen betraut werden.

    Die Form

    Das wichtigste, was man zu "Die letzte Einheit" wissen muss, ist, dass es sich nicht um einen Roman im eigentlichen Sinne handelt. Das Buch gliedert sich in eine Reihe abschlossener und mehr oder weniger miteinander verbundener Episoden, die ursprünglich zwischen Jänner und April 2013 digital veröffentlicht wurden. Erst danach wurde das Ganze zusammengefasst und als Quasi-Roman in Druck gegeben.

    Diese Entstehungsgeschichte schlägt sich in mehrfacher Weise nieder. Zum einen wechselt der Tonfall der einzelnen Episoden, zum anderen kommt es immer wieder mal zu Wiederholungen von bereits Bekanntem: Eine Einzelveröffentlichung kommt an einem gewissen Minimum an Erklärungen zur Rahmenhandlung eben nicht herum. Man hätte solche Passagen für die Buchveröffentlichung vielleicht herausstreichen können, aber das Doubletten-Ausmaß ist nicht so groß, dass es wirklich stören würde.

    ... was allerdings nicht für eine andere Form von Wiederholungen gilt: Die Geschichten enthalten eine derartige Häufung an aneinandergereihten "sagte er", "sagte sie", "sagte er", dass es mitunter wirklich ärgerlich wird. Aber gut, ein Mega-Stilist war Scalzi nie. Das Geheimnis eines Bestseller-Erfolgs ist wohl, dass man den kleinsten gemeinsamen Nenner für die größtmögliche Anzahl an LeserInnen findet, und das ist Scalzi mit seinem "Krieg der Klone" eindeutig gelungen.

    Ein Kessel Buntes

    Wie schon erwähnt, präsentieren sich die einzelnen Episoden durchaus unterschiedlich. Actionreiche wechseln mit humorvollen, Attentate und Intrigen mit Skurrilitäten à la "Star Trek" - etwa wenn man beim Kontakt mit einer anderen Spezies ein Spuck-Ritual über sich ergehen lassen muss. Die Episode "Der Hundekönig" ist pure Comedy, während "Über die Planke gehen" nicht nur einen unmenschlich zynischen Inhalt hat, sondern auch mit der Form experimentiert und sich als Audio-Protokoll präsentiert. "Die Heimkehr" wiederum schildert nichts Weltbewegenderes als einen Besuch Harts bei seiner Familie mit all den zwischenmenschlichen Problemchen, die so etwas mit sich bringt.

    Mal stehen die genannten Hauptfiguren im Mittelpunkt, mal rücken Nebenfiguren für die Dauer einer Episode in den Vordergrund. Extracool der Auftritt der riesenhaften Alien-Diplomatin Hafte Sorvath auf einer Welt, die von menschlichen "White supremacy"-Rassisten besiedelt wurde. Was tut frau, wenn ihr Idioten mit Schusswaffen das Gespräch verweigern? Sie weist sie höflich, aber bestimmt auf ihr Mutterschiff hin, das mit einsatzbereiten Waffen im Orbit kreist: "Jeder von Ihnen - genauso wie Ihr Vieh und Ihre größeren Haustiere - wird in ungefähr einer Ihrer Sekunden tot sein. Es wird ziemlich unappetitlich werden, weil sich das, was sich jetzt innerhalb Ihres Kopfes befindet, dann voraussichtlich über mich verteilen wird, aber ich werde es überleben. Und ich habe saubere Kleidung zum Wechseln in meinem Shuttle."

    Im Grunde funktioniert das Ganze wie eine Fernsehserie, die mit ihren einzelnen Folgen eine möglichst große inhaltliche Bandbreite abdeckt, um aber immer wieder zum Story-Arc zurückzukehren. Der kommt vor allem in den längeren Anfangs- und Schlussepisoden "Das B-Team" und "Unten die Erde, oben der Himmel" zum Tragen. Beide sind actionbetont und schildern, wie sich die KU mit Sabotage durch einen neuen(?) unbekannten Feind konfrontiert sieht.

    Die Bilanz

    Zwischen dem bis dato letzten "Krieg der Klone"-Roman und diesem Buch sind an die fünf Jahre vergangen, in denen sich Scalzi ganz anderen Dingen zugewandt hat. Unter anderem humorvollen Werken wie "Der wilde Planet" oder "Redshirts", die von Altfans durchaus gemischt aufgenommen wurden. Ich mochte die eigentlich alle, weshalb mir auch "Die letzte Einheit" gut gefallen hat. Es ließe sich in etwa als John Scalzis Version von "Star Trek" beschreiben. Jedenfalls ist hier aus Scalzis "Zwischenphase" nicht weniger eingeflossen als aus dem etablierten "Krieg der Klone"-Kosmos. Mehr jedenfalls, als manchem lieb sein mag.

    Und eines sei noch gesagt: Am Schluss bleiben einige Fragen offen, nicht zuletzt die allerwichtigste. Antworten wird wohl erst der nächste reguläre "Krieg der Klone"-Roman liefern, wann auch immer er kommt. Scalzis nächstes Buchprojekt "Lock in" (angekündigt für diesen Sommer) wird damit jedenfalls nichts zu tun haben.

    weiter ›
    Share if you care.