Nationalisten-Krawalle in Warschau

13. November 2013, 22:03
51 Postings

Außenminister in Moskau verlangt nach Angriff auf Botschaft Entschuldigung - 40 Polizisten verletzt, 210 Festnahmen

Warschau - Die Ausschreitungen von nationalistischen Demonstranten in Warschau am Montag belasten die Beziehungen zwischen Polen und Russland. Das russische Außenministerium forderte am Dienstag eine offizielle Entschuldigung für einen Angriff auf die russische Botschaft in der polnischen Hauptstadt. "Es handelt sich um eine grobe Verletzung des Wiener Übereinkommens über diplomatische Beziehungen", das einen besonderen Schutz von Botschaften garantiert, heißt es in einer Protestnote, die dem polnischen Botschafter in Moskau überreicht wurde.

Wachhäuschen in Brand gesetzt

Die Nationalisten durchbrachen am Montagabend in Warschau die Polizeiabsperrung um die Botschaft und setzten das Häuschen eines Wachmanns in Brand. Mehrere Personen versuchten, über die Mauer auf das Territorium der diplomatischen Vertretung zu gelangen. Andere warfen Steine und schossen Feuerwerkskörper auf das Gelände. Nach eigenen Angaben konnte die russische Botschaft mehrere Stunden nicht normal arbeiten.

Die polnische Regierung verurteilte die Ausschreitungen umgehend. "So eine Barbarei hat es in den 24 Jahren Unabhängigkeit noch nicht gegeben", erklärte Innenminister Bartlomej Sienkiewicz im öffentlichen Radio.

"Unabhängigkeits-Marsch"

Zu den Ausschreitungen kam es im Rahmen des "Unabhängigkeits-Marsches", den nationalistische Gruppierungen seit mehreren Jahren am 11. November in Warschau veranstalten und an dem nach Schätzungen 50.000 Personen teilnahmen. Sie prangerten dabei die Mitgliedschaft Polens in der Europäischen Union und die angeblich zu nachgiebige Außenpolitik der Regierung gegenüber Russland an.

Schon im vergangenen Jahr kam es dabei zu Straßenschlachten. Die Hauptorganisatoren - die Allpolnische Jugend (MW) und das National-Radikale Lager (ONR) - hatten die Polizei aufgefordert, sich diesmal weiter von den Demonstranten entfernt zu halten. Sie hatten zugesagt, selbst für Ordnung zu sorgen. Allerdings wäre es mit keiner Polizeistrategie möglich gewesen, den Angriff auf die russische Botschaft zu verhindern, so Innenminister Sienkiewicz.

Linke angegriffen

Neben dem Angriff auf die Botschaft attackierten die Demonstranten auch zwei Häuser, die von linksgerichteten Gruppierungen besetzt sind. Sie versuchten, in die Gebäude einzudringen. Am Erlöser-Platz zündeten die Demonstranten zudem ein über den Platz gespanntes Kunstwerk in der Gestalt eines Regenbogens an und vernichteten es. "Es ist das Symbol einer Seuche", weil es für die Schwulen- und Lesbenbewegung stehe, erklärte der ehemalige Vorsitzende der Allpolnischen Jugend, Robert Winnicki, später bei einer Ansprache. Außerdem wurden zahlreiche Autos beschädigt.

Regierung und Opposition in Polen gaben sich gegenseitig die Schuld an den Ereignissen. "Die Regierung hat es nicht geschafft, die Botschaft und die polnischen Bürger zuschützen", erklärte Adam Hofman, Abgeordneter der rechtskonservativen Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) in einem Radiointerview. Die PiS hatte sich heuer zum ersten Mal von dem Marsch der Nationalisten distanziert und eine eigene Veranstaltung in Krakau abgehalten. Nach Ansicht von Innenminister Sienkiewicz trägt die PiS durch die Art ihrer Kritik an der Regierung eine Mitverantwortung für die Krawalle. (red/APA, 12.11.2013)

Links

The Warsaw Voice: Poland’s Independence Day celebrations turn violent again

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels war von 200 Festnahmen die Rede, darunter etwa hundert deutsche Gegendemonstranten. Diese Information bezog sich auf den "Unabhängigkeitsmarsch" 2011. Heuer gab es keine Versuche, den Marsch zu blockieren. (bed)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Unabhängigkeitsmarsch" am Nationalfeiertag am Montag in Warschau. Am Nationalfeiertag wird die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Polens nach Ende des Ersten Weltkrieges gefeiert.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Demonstranten setzten eine Regenbogen-Skulptur in Brand

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Vermummte Demonstranten

Share if you care.