Philippinen: Hunger und Verzweiflung in zerstörten Gebieten

12. November 2013, 07:57
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Für die Überlebenden hat der Überlebenskampf begonnen: Lebensmittel werden knapp, die Angst vor Seuchen wächst - Neuer Sturm nähert sich

Überlebende durchwühlen die Überreste ihrer zerstörten Häuser, suchen nach Toten oder Verletzten. Andere versuchen panisch, Nahrungsmittel und Trinkwasser aufzutreiben, inmitten der Leichen, die in der Tropenhitze zu verwesen beginnen. Dieses grauenhafte Bild zeichnen CNN-Reporter am Montag von den am meisten betroffenen Gebieten des Taifuns Haiyan oder Yolanda, wie er vor Ort genannt wird, auf den Philippinen.

Tausende Häuser sind dem Erdboden gleichgemacht, viele Orte sind nach wie vor von der Außenwelt abgeschnitten, es fehlt an Kommunikationsmöglichkeiten und Strom. Richard Gordon vom philippinischen Roten Kreuz sagt: "Wir haben Leichen im Wasser, Leichen auf den Brücken, Leichen auf der Straße." Zeugen berichten von starkem Verwesungsgeruch. Der Ausbruch von Seuchen bedroht nun die Überlebenden.

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Eine Frau trägt eine Wasserflasche in der verwüsteten Stadt Tacloban.

Hygienepakete besonders wichtig

Die Gefahr von Infektionskrankheiten sei sehr konkret, sagt Jörg Fischer vom Deutschen Roten Kreuz in einem Telefonat mit dem STANDARD. Der Koordinator ist zu dem Zeitpunkt noch auf dem Weg nach Tacloban und befindet sich am Montag bereits auf der Nachbarinsel Cebu. Neben Trinkwasser und Nahrungsmitteln seien deshalb die Hygienepakete von den Hilfsorganisationen besonders wichtig. Darin befindet sich etwas Seife, Klopapier, Zahnpasta, Monatsbinden oder Windeln.

Je näher die Helfer dem Zentrum der Katastrophe kämen, desto mehr würden sich die Schreckensberichte bestätigen, erzählt Fischer. Über die Anzahl der Verletzten vor Ort gibt es keine genauen Angaben, "wir gehen davon aus, dass es viele sind."

Eine gute Nachricht kann Fischer überbringen, der sich mit Militärmaschinen Tacloban nähert: So sollen Teile des Telekommunikationsnetzes schon früher als angenommen wieder hergestellt und eine Straßenverbindung wieder frei sein. Bis dato war das Gebiet vollkommen von der Außenwelt abgeschottet. Am Dienstag europäischer Zeit könnten die ersten Konvois eintreffen.

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Ein vier Tage altes Baby wird in der zerstörten Stadt Tacloban versorgt.

Seit Tagen nichts gegessen

Die Stadt Tacloban in der Provinz Leyte ist ein einziges Trümmerfeld. Viele Menschen in der 220.000-Einwohner-Stadt hatten am Montag seit vier Tagen nichts gegessen, berichtete der philippinische TV-Sender ABS-CBN. "Wir sind so hungrig", sagte ein Überlebender dem BBC-Team. Eine Lehrerin gab zu, sie habe Angst, dass die Menschen in einer Woche aus Hunger beginnen würden, Leute umzubringen.

"Wir haben nichts, hier kommt nichts an", sagte Gilda Malinao aus Tacloban dem Radiosender DZMM. Neben Tacloban sindviele weitere Küstenorte nahezu vollkommen zerstört. Jane Cocking von Oxfam berichtete der BBC, ganze Teile der Küste seien einfach verschwunden.

Der Grund für die Lebensmittelknappheit ist auch, dass die Philippinen in den vergangenen Monaten mehrere Katastrophen zu überstehen hatten und die Lager der Hilfsorganisationen noch nicht vollständig aufgefüllt werden konnten. Zum anderen wurden Lebensmittel von den Fluten weggeschwemmt, so die Einschätzung eines Helfers.

Strommasten wie Zahnstocher umgefallen

Michael Weinold ist für Jugend eine Welt und Salesianer Don Bosco in einem Waisenhaus außerhalb der Stadt Cebu auf den Philippinen tätig. Die Gegend wurde vom Taifun weniger stark getroffen, der 18-Jährige erzählt dennoch von "Strommasten, die wie Zahnstocher" umgefallen seien. "Ein haushoher, alter Mandelbaum wurde umgerissen", schildert er im Telefonat mit dem STANDARD. Zwar gebe es Wasser und Nahrungsmittel, doch auf der Insel Cebu sei nur teilweise Strom vorhanden und einige Häuser seien stark beschädigt.

Der Taifun "Haiyan" hinterließ Zerstörung und Hilflosigkeit. Gif: http://www.wunderground.com/

In den philippinischen Nachrichten sei ununterbrochen von Plünderungen die Rede. Derlei Probleme habe er in seiner Umgebung nicht erlebt, weiter im Norden sei es aber schlimmer. Weinold ist seit zweieinhalb Monaten als Volontär auf den Philippinen und war dort zunächst mit den Folgen eines schweren Erdbebens von Mitte Oktober konfrontiert. (juh, spri, DER STANDARD, 12.11.2013)

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