Prammer: NS-Terror in Österreich besonders grausam

9. November 2013, 21:41
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Pelinka: Schreckensherrschaft durch "Massenbegeisterung" getragen - Veranstaltung vor ehemaliger Synagoge in Wien

Wien/Buenos Aires - Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ) hat bei einer Gedenkveranstaltung anlässlich des Novemberpogroms am Samstagabend den "Terror in Österreich" während der NS-Zeit hervorgestrichen. "Im historischen Rückblick wissen wir, dass in Österreich der Terror ganz besonders grausame Züge annahm", ließ Prammer in einer Grußbotschaft vor der in der Nacht auf den 10. November 1938 in der Neudeggergasse in Wien-Josefstadt zerstörten Synagoge vor rund 250 Personen ausrichten.

Vor allem in Wien, aber auch in anderen Bundesländern seien Gebetshäuser zerstört, Geschäfte und Wohnungen geplündert worden. In Wien seien mehr als 6.000 Juden festgenommen, die Hälfte davon ins Konzentrationslager Dachau deportiert worden, so Prammer bei der Veranstaltung der Initiative "Verlorene Nachbarschaft".

Es werde nun auch jenen Opfern der NS-Zeit gedacht, die lange auf ihr Recht auf Anerkennung warten mussten - "den Roma, Sinti, Homosexuellen, Kärntner Slowenen, den Zeugen Jehovas, den Jenischen oder politisch anders Denkenden, den Widerstandskämpfern und vielen anderen, die lange geschwiegen haben, aus Angst, um nicht aufzufallen oder aus Scham", stellte Prammer laut Grußbotschaft weiter fest.

Moralische Grenzen

Auch heute gelte es, stets wachsam zu sein und das "Überschreiten moralischer Grenzen zu erkennen". Wir alle seien immer wieder gefordert, "antisemitische oder rassistische Äußerungen und Handlungen mit gebotener Eindeutigkeit zu verurteilen" und für nachfolgende Generationen das "Nie wieder" der Nachkriegsgenerationen zu sichern, forderte Prammer.

Aus diesem Grund seien Initiativen wie das Projekt "Verlorene Nachbarschaft" von Bedeutung. "Nur im Verstehen unserer Geschichte und in der Auseinandersetzung mit diesem Teil unserer Vergangenheit können wir für die Gegenwart unsere gemeinsamen Werte wie Menschenrechte und Demokratie schützen und weiter ausbauen", so die Nationalratspräsidentin.

Politikwissenschafter Anton Pelinka betonte in seiner Gedenkrede, dass "lange Zeit" nichts an den 9. November erinnern hätte dürfen. Für das "Wegsehen" in der heutigen Zeit fehle jedes Verständnis. Die Schreckensherrschaft des NS-Regimes sei durch "Massenbegeisterung" getragen worden, erinnerte Pelinka und dankte den Alliierten für deren Einschreiten.

Die Gedenkveranstaltung am Samstagabend wurde von einem hochkarätigen Kulturprogramm begleitet. Stefan Horvath, Armin Zitter und Hannes Sulzenbacher erzählten über die Verfolgung von Minderheiten und politisch Andersdenkenden in der NS-Zeit. Die Schauspieler Ruth Brauer-Kvam, Inge Maux und Erwin Steinhauer rundeten, unter Mitwirkung von Kyrre Kvam und Aliosha Biz, die Veranstaltung musikalisch ab.

Die Moderation der Gedenkveranstaltung übernahmen unter anderem Schüler des Bundesrealgymnasiums Wien XVI, jener höheren Schule mit dem nach eigenen Angaben höchsten Anteil an Schülern mit nicht-deutscher Muttersprache in Wien.

Die Initiative "Verlorene Nachbarschaft", die auf eine Privatinitiative der beiden Bewohner der Neudeggergasse, der Filmemacherin Käthe Kratz und Hans Litsauer zurückgeht, widmet sich seit 1998 mit besonderer Aufmerksamkeit den Juden im Viertel rund um die zerstörte Synagoge in der Neudeggergasse. Im Mittelpunkt steht die Suche nach verlorenen Beziehungen, Lebensgeschichten, Erinnerungen und Schicksalen der Verfolgten. Bei diversen Gedenkprojekten wird immer wieder an die zur Emigration gezwungenen Nachbarn erinnert.

Bei einem Projekt im Jahr 2008 wurde die Fassade der Wiener Synagoge in Form einer Plane in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires wieder aufgestellt. Den Ehrenschutz über dieses Projekt hatten die argentinische Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner und Bundespräsident Heinz Fischer übernommen. (APA, 9.11.2013)

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