Rundschau: Besuch im galaktischen Zoo

    Ansichtssache14. Dezember 2013, 10:00
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    Von A wie Affen-Zorn bis Z wie Zombie-Kühe: Bücher von Douglas Coupland, Ben Winters, David Brin und Mike Resnick

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    coverfoto: tropen

    Douglas Coupland: "Spieler Eins"

    Gebundene Ausgabe, 246 Seiten, € 20,60, Tropen bei Klett-Cotta 2013 (Original: "Player One", 2010)

    Und noch eine Apokalypse, die auf menschliche Dimensionen heruntergebrochen wird. Sehr viel mehr noch sogar als bei Ben Winters. Im Grunde gibt der Weltuntergang - wenn es denn wirklich einer ist - hier nicht mehr als den Theaterdonner aus dem Bühnenhintergrund ab, während vorne ein Kammerspiel mit vier Hauptpersonen läuft. Um deren Befindlichkeiten geht es in "Spieler Eins", und keine Angst: Wie man es vom Autor von "Generation X" (ob er diesen Beinamen jemals ablegen wird?) gewohnt ist, lesen sich diese Befindlichkeiten ausgesprochen vergnüglich.

    Im Anhang des Romans führt Douglas Coupland unter dem Titel "Zukunftslegende" eine lange Liste soziologischer, philosophischer und naturwissenschaftlicher Begriffe an, die ebenso skurril wie treffend sind. Und natürlich keine wie auch immer geartete Zukunft beschreiben, sondern unsere Gegenwart. Ikeasis beispielsweise: Das Bedürfnis, sich mit schlichtem Design und klaren Formen zu umgeben - ein beruhigendes Bollwerk gegen den Informationsüberfluss in der Welt da draußen. Oder Allwissenheits-Müdigkeit: Das Erschöpfungsgefühl, das sich einstellt, wenn man die Antwort auf praktisch alles im Netz finden kann.

    Das Ensemble

    Die meisten dieser Begriffe sind unmittelbar in der Romanhandlung verankert - allen voran die Ruck-zuck-Reinkarnation. Das Verlangen nach einem radikalen Neuanfang treibt nämlich alle vier Hauptpersonen an. Etwa die geschiedene Karen (40, ginge aber als 34-Jährige mit Alkoholproblemen durch ...), die sich zu einem Blind Date mit jemandem aufgemacht hat, den sie nur aus einem Kollapsitarier-Chatroom (wie romantisch!) kennt. Und die im Flugzeug über Stephen Kings "Langoliers" sinniert ... "Spieler Eins" mag in seiner Genrezugehörigkeit nicht eindeutig sein - seine ProtagonistInnen sind mit geekigem Kulturgut jedenfalls bestens vertraut.

    Etwa gleich alt und ebenfalls geschieden ist der Barkeeper Rick. Er erwartet sehnsüchtig das Eintreffen eines solariumgebräunten Motivationshilfe-Gurus, der sein Leben schlagartig besser machen soll; tausende Dollar hat sich Rick als Teilnahmegebühr für  dessen Seminare zusammengespart. Der etwas ältere Luke indes hat noch mehr Scheine in der Tasche: Spendengelder, die der kürzlich vom Glauben abgefallene Pfarrer hat mitgehen lassen.

    Und dann wäre da noch die an Jahren junge und doch so alt wirkende Rachel, die sich unbedingt schwängern lassen will - nur um sich und ihrem Vater zu beweisen, dass sie zur menschlichen Spezies gehört. Denn die in herrlich fremdartigen Bahnen denkende Züchterin von Labormäusen leidet unter einer Reihe neuronaler oder psychischer Defekte, die sie in Summe wie eine Autistin wirken lassen: Eine Hitchcock-Schönheit mit Sheldon-Cooper-Blick auf die Welt komplettiert somit das Ensemble - ein bisschen könnte man das Ganze allerdings auch als Ein-Personen-Stück interpretieren. Denn trotz aller oberflächlichen Unterschiede ähneln die vier einander doch stark.

    Das Szenario

    Nicht von ungefähr treffen die vier, die ihre Wurzeln ausgerissen haben, in einem achronogeneritropen Raum aufeinander, wie es in der "Zukunftslegende" genannt wird: Einer Hotelbar am Flughafen von Toronto. Ein Flughafen ist nicht mal ein richtiger Ort. Es ist ein Boxenstopp, ein Zwischenbereich, ein "Nirgendwo" (...). Flughäfen sind Orte, an die man gelangt, gleich nachdem man gestorben ist und ehe es weitergeht nach wohin auch immer man dann kommt. Sie sind das Präsens, zu Aluminium, Beton und schlechter Beleuchtung geronnen. - Ein kleines Ensemble, ein einziger Ort und ein enger Zeitrahmen von fünf Stunden: Viel mehr hätte Coupland den streng strukturierten Roman nicht verdichten können.

    Und irgendwie platzt in diesen vom Strom des Lebens abgekoppelten Nicht-Ort plötzlich die Apokalypse herein, ebenso unerklärt wie nicht zu fassen. In dieser Reihenfolge: TV-Nachrichten verkünden einen schlagartigen Anstieg des Ölpreises in astronomische Höhen. Das Fernsehen fällt aus. Am Horizont ereignen sich Explosionen. Ein Heckenschütze erschießt Karens Blind Date. Eine Giftwolke rast auf die Hotelbar zu.

    Sinnsuche und Situationskomik

    Für unsere ProtagonistInnen ist dieses ganze Holterdiepolter aber bloß ein Anlass mehr, sich mit dem auseinanderzusetzen, was schon zuvor ihre Gedanken beherrscht hat: Nämlich mit dem Wesen der Zeit und insbesondere den Chancen, die in dieser Zeit ungenutzt verstrichen sind. Und mit der quälenden Frage, die der Roman schon von seiner ganzen Struktur her aufwirft, inklusive des Auftritts eines Erzählers auf der Meta-Ebene namens "Spieler Eins": Wenn alles dem Ablauf einer Story folgt - was ist dann eigentlich die Story meines Lebens?

    Trotz des durchaus ernsten Hintergrunds sind meine Mundwinkel beim Lesen beständig nach oben gewandert - zu komisch einfach die Dynamik, die sich zwischen den vier ergibt. Etwa wenn sich Rick in Rachel verknallt: Im Kopf des liebestrunkenen Rick läuft schon ein Preview seines zukünftigen Lebens mit Rachel: Ferien in Kentucky, der Ankauf weißer Deckmäuseriche; Abende am knisternden Kamin, an denen er Rachel zuhört, wie sie Pi herunterbetet; vielleicht eine von diesen Umarmungsmaschinen für die Momente, in denen ihr Gehirn mit echtem Körperkontakt nicht klarkommt.

    Merke: Auch die ganz großen Fragen kann man mit Humor beantworten. Vielleicht sogar nur mit Humor. Luke bringt es in Worten, die unserer Zeit nur allzu angemessen sind, auf den Punkt: "Wir müssen doch zu etwas nützlich sein. Ich will in die Geschichte eingehen. Ich will einen Wikipedia-Eintrag." - Für Coupland-Altfans mag "Spieler Eins" nicht viel Neues enthalten. Aber zumindest durch die Genre-Brille betrachtet ist der Roman eindeutig eine Bereicherung. Kammerspiel vorbei, Applaus!

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