Rundschau: Besuch im galaktischen Zoo

    Ansichtssache14. Dezember 2013, 10:00
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    Von A wie Affen-Zorn bis Z wie Zombie-Kühe: Bücher von Douglas Coupland, Ben Winters, David Brin und Mike Resnick

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    coverfoto: heyne

    Sascha Mamczak, Sebastian Pirling & Wolfgang Jeschke (Hrsg.): "Das Science Fiction Jahr 2013"

    Broschiert, 989 Seiten, € 38,10, Heyne 2013

    Mein persönliches Highlight in der heurigen Ausgabe von Heynes "Science Fiction Jahr" ist der Beitrag "Fallstricke des Prophezeiens" von Gary Westfahl - jemand, der gelegentlich als Science-Fiction-Experte gehandelt wird (Understatement des Monats). Darin hält sich der US-amerikanische Autor und Rezensent nicht lange mit dem alten Hut auf, dass SF keine belletristisch verkleidete Zukunftsvorhersage ist. Vielmehr versucht er Gesetzmäßigkeiten herauszufiltern, wann SF-Szenarien nicht eintreten können.

    Dabei kommt er auf Faktoren wie Dramatik (in Wirklichkeit sind nur wenige historische Umwälzungen auf Einzelpersonen oder -ereignisse zurückzuführen) oder eine falsche Einschätzung von Technologie: Neue Errungenschaften verdrängen ihre Vorgänger niemals vollständig (auch heute noch werden - siehe Friedhöfe und Denkmäler - Steintafeln mit Inschriften versehen); zudem ist eine neue Technologie nicht unbedingt für jedermann leistbar. Das deckt sich sehr gut mit William Gibsons berühmter Aussage, dass die Zukunft längst da ist, bloß nicht gleichmäßig verteilt. Ausgehend von dieser Faktorensammlung verwirft Westfahl einige populäre SF-Szenarien und erstellt dafür seinerseits bemerkenswerte Prognosen: Zum Beispiel werde das Schreiben mit der Hand wieder in Mode kommen und Schulen würden von Taschenrechnern auf die alten Rechenschieber umstellen.

    Bunte Themenvielfalt

    Weitere Gastbeiträge, die dem SF-Jahrbuch internationales Flair verleihen, kommen von John Clute und David Hughes. Nicht zu vergessen Cory Doctorows jüngster Frontbericht vom Krieg um unsere Computer-Freiheit, ausgetragen zwischen den "Kontrollfreaks" in Politik und Wirtschaft und den "Nerds", die sich für die restliche Bevölkerung in die Schlacht werfen. Doctorows Analysen finde ich regelmäßig beunruhigender als jeden Horrorroman. Nicht zuletzt deshalb, weil der Autor und Aktivist nicht müde wird darauf hinzuweisen, dass wir alle aufgerufen sind, uns zu rüsten.

    Auf ein großes, übergreifendes Thema wie noch vor einigen Jahren wird auch in der heurigen Ausgabe verzichtet. Stattdessen setzt sich der "Feature"-Teil aus einer bunten Mischung von literarischen, filmischen und wissenschaftlichen Themen zusammen. Sehr interessant etwa der Beitrag "Früher nannte man es Science Fiction" von Mitherausgeber Sascha Mamczak, der sich den Querverbindungen zwischen SF und dem in Mode gekommenen Begriff des "Anthropozän" (also des neuen, von unseren Aktivitäten geprägten geologischen Zeitalters) widmet. Und zwar nicht literaturgeschichtlich samt Auflistung von passenden Titeln, sondern von der philosophischen Seite her betrachtet.

    Uwe Neuhold widmet sich in "Obskure Kosmologen" pseudowissenschaftlichen Welterklärungsmodellen: Von der Expansionstheorie, derzufolge sich die Erde langsam "aufpumpt", über Welteislehre und Hohlwelttheorien bis zu den irrsinnigerweise leider topaktuellen und politisch höchst relevanten Young Earth Creationists. Am Ende kommt Neuhold zum nüchternen Befund, dass all diese Modelle letztlich den gleichen Ursprung hätten: Die Eitelkeit älterer Männer, die mit einem großen Wurf in die Geschichte eingehen wollen, ehe es zu spät ist.

    Themenkreis Literatur ...

    Das Jahrbuch beginnt ungewöhnlicherweise mit Nachrufen, nämlich auf die Autoren Jack Vance, Harry Harrison und Boris Strugatzki. Jeder davon ein Gigant - umso ironischer, wenn in einer Filmkritik weiter hinten im Buch die Brüder Strugatzki lapidar als vor allem bekannt für ihre Vorlage zu Tarkowskis "Stalker" beschrieben werden; auch eine Perspektive. Dazu kommen Texte über Stanisław Lem und James Tiptree Jr. sowie ein Interview mit Daniel Suarez, Autor von Cyber-Thrillern wie dem mega-erfolgreichen "Daemon" und dem schlechten "Kill Decision".

    Am aktuellsten dürfte "Geht jetzt die Welt unter, Mom?" von Bartholomäus Figatowski sein - nicht zuletzt deshalb, weil gerade der zweite Teil der "Tribute von Panem" in den Kinos läuft. Figatowski widmet sich darin dem neuen Mode-Genre Young-Adult- bzw. All-Age-Dystopie und argumentiert, dass es sich dabei nicht um den Nachfolger der Vampir-Welle handelt. In Sachen wirtschaftlicher Erfolg vielleicht - doch biete das Genre eine ungleich höhere inhaltliche Vielfalt.

    ... und Film

    David Hughes rapportiert die Geschichte der "Dune"-Verfilmungen, ob realisiert oder nicht. Einmal mehr weint man dabei dem leider nie zustandegekommenen Projekt des Dream-Teams Alejandro Jodorowsky, Moebius, Chris Foss (aaaah, seine Raumschiffzeichnungen - ich bin seit meiner Kindheit sein Fan!) und H. R. Giger nach. Und Filmkritiker Georg Seeßlen widmet sich in "Ich sah C-Beams glitzern" dem Schaffen von Ridley Scott. Wie gewohnt ist es ein hochqualitativer Beitrag, aber er zeigt auch ein Grundproblem des "Science-Fiction-Jahrs" auf:

    Aufgrund seiner langen Produktionszeit kann der Wälzer nie wirklich aktuell sein. Seeßlens Beitrag hält auf dem Stand "Prometheus". Das ist aber weder die jüngste Arbeit von Scott (derzeit mit "The Counselor" in den Kinos) noch das, was die internationale SF-Geek-Gemeinde derzeit in Atem hält. Die hat sich seit "Prometheus", das ohnehin niemandem wirklich gefallen hat, längst vier- bis fünfmal neuen Themen zugewandt. Das Jahrbuch läuft damit manchmal Gefahr, ein bisschen wie die Illustrierte vom letzten Monat zu wirken. Vielleicht sollten sich die Herausgeber überlegen, doch wieder Themenschwerpunkte wie früher zu bringen. Die Stärke des Buchs liegt in seiner Zeitlosigkeit und alte Ausgaben zu Themen wie z.B. Superhelden oder Utopien fungieren bei mir zuhause als Nachschlagewerke.

    Rezensionen, Rezensionen

    Auf der Buchrückseite wird der üppige Rezensionsteil extra betont und daher wohl als Hauptkaufanreiz betrachtet : Ca. 120 Seiten zu Filmen, 110 zu Büchern, 65 zu Comics und jeweils 70 zu Games und Hörspielen. Die kann man dann je nach persönlicher Interessenlage unterschiedlich nutzen: Also entweder für Kauftipps in Bereichen, die man zwar schätzt, aber zu wenig Ahnung von hat (in meinem Fall: Comics), oder als Reibebaum bzw. Quelle der Selbstbestätigung dort, wo man sich selbst auf dem Laufenden hält (Literatur und Film). "Battleship"-Bashings liest man einfach immer wieder gern - nicht auszudenken, dass Regisseur Peter Berg, der dieses Machwerk verbrochen hat, auch mal für eine "Dune"-Verfilmung im Gespräch war! Und die Bereiche, die einem vollkommen Wuppe sind (Games und Hörspiele), kann man ja überspringen.

    Abschließend bleibt nur noch eine letzte Frage offen: Gibt es eigentlich keine Frau, die mal einen längeren Beitrag zum "Science Fiction Jahr" schreiben möchte?

    Soweit the world according to Heyne. Mein persönlicher Rückblick bzw. das Best of 2013 kommt nach der Jahreswende. Wie beim letzten Mal mit bereits rezensierten Büchern im Schnelldurchlauf (und ich sag es gleich: Kim Stanley Robinson ist nicht dabei) sowie gar nicht so wenigen Neuvorstellungen: Inklusive Stephen Baxter, der thematisch sehr gut in diese Rundschau gepasst hätte, aber ebenso wie John Scalzi knapp zu spät eingetroffen ist. Guten Rutsch allerseits! (Josefson, derStandard.at, 14. 12. 2013)

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