Rundschau: Besuch im galaktischen Zoo

    Ansichtssache14. Dezember 2013, 10:00
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    Von A wie Affen-Zorn bis Z wie Zombie-Kühe: Bücher von Douglas Coupland, Ben Winters, David Brin und Mike Resnick

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    coverfotos: golkonda

    Thomas Ziegler & Markolf Hoffmann: "Sardor", Teil 2 + 3: "Am See der Finsternis" + "Der Bote des Gehörnten"

    Klappenbroschur, 185 bzw. 200 Seiten, je € 15,40, Golkonda 2013

    Fast 30 Jahre nach ihrem Beginn hat nun die bizarre Fantasy-Trilogie "Sardor", die der 2004 verstorbene Thomas Ziegler nie zu Ende bringen konnte, ihren Abschluss gefunden. Teil 2, "Am See der Finsternis", stammt noch ganz aus der Feder Zieglers. Ebenso wie ein Teil von "Der Bote des Gehörnten", vom Rest wurden laut Vorwort nur einige Kapitelüberschriften in Zieglers Nachlass gefunden. Mit dieser eher dünnen Hilfestellung hat der deutsche Autor Markolf Hoffmann ("Zeitalter der Wandlung") Zieglers Saga vollendet.

    Zur Erinnerung

    In Teil 1, "Der Flieger des Kaisers", entführte uns Ziegler in eine Zukunft, die Milliarden Jahre von unserer Zeit entfernt ist. Am Himmel stehen kaum noch Sterne, dafür eine rote Riesensonne; statt des Mondes kreist ein eiserner Ring um die Erde. Die Kontinente haben sich verschoben, das Leben hat neue, surreale Formen angenommen. Wie auch die menschlichen Gesellschaften dieser Zeit gelinde gesagt exotisch wirken. Alles in allem enthält Zieglers Vision genug grausige Schrillitäten, um die nächsten zehn Welttourneen von Marilyn Manson und Lady Gaga mit einem optischen Leitkonzept zu versehen.

    In diesen Höllenpfuhl hat es durch einen rätselhaften Effekt den deutschen Jagdflieger Dietrich von Warnstein verschlagen. Eben noch ein Ritter der Lüfte im Ersten Weltkrieg - plötzlich gestrandet ohne Gott und Vaterland. Und beides ist Dietrich überaus wichtig, aber leider ... Was aus dem Vaterland geworden ist: siehe oben. Und Gott, das ist Dietrich jetzt gewissermaßen selbst. Ein Gott zumindest, seit sich beim Zeitsprung der Geist eines verstorbenen Zukunftsrecken in seinem Bewusstsein eingenistet hat. Dietrich und Sardor kontrollieren den gemeinsamen Körper abwechselnd, mehr und mehr beginnen sie aber zu einem Wesen zu verschmelzen - eben jenem Sardor, den Prophezeiungen zur letzten Hoffnung der Menschheit erklärt haben:

    Ja, dachte der deutsche Flieger. So geht die Legende: Die Glocke von Gorm ruft zur letzten Schlacht, und wenn der Glockenschlag über den ganzen Erdball dröhnt, dann schlägt auch unsere Stunde. Dann kehren die Eisenmänner aus ihrem Exil hinter der Zeit zurück; dann steigen die Gehörnten von den Sternen herab; dann rauscht der ganze Äther vom Flügelschlag der Mahrenschwärme. Und der Krieg beginnt. Die höllischen Heerscharen werden in die Schlacht marschieren, und kein Gott ist da, sich ihnen entgegenzustellen. Aber Sardor, erinnerte die Geisterstimme, aber Sardor hält Wacht und schlägt die Stern- und die Eisenmacht.

    Vorbereitungen auf die letzte Schlacht

    Bevor das Armageddon dieser zwischen H. P. Lovecraft und Robert E. Howard angesiedelten Fantasywelt beginnt, gilt es aber erst, die verstreuten Menschenvölker gegen die beiden außerweltlichen Invasionsmächte zu vereinen. Damit sind Dietrich/Sardor und ihr treuer Begleiter Churm etwa bis zur Mitte des dritten Bands beschäftigt. Auf ihrer Queste über die fremde Erde treffen sie auf alles Mögliche und Unmögliche: Von mobilen und fressgierigen Gräbern(!) über vollautomatisierte Menschenschlachthäuser und einen "Wald" aus Schaumblasengebilden bis zu einem Garten, in dem menschliche Organe wachsen. (Später lernen sie auch noch eine Foltermethode kennen, bei der den Gefangenen Organe aus dem Körper wuchern; erinnert an Cordwainer Smiths Planeten Shayol). Es ist eine Dalí-Welt mit Zähnen.

    Besonderer Applaus gebührt Ziegler für eine exzeptionell perverse Abscheulichkeit: Den Bosling, eine der ekelhaftesten Schöpfungen der gesamten Fantasygeschichte. Das Allerschlimmste am Bosling ist aber, dass er sich für die Seite der Guten hat rekrutieren lassen.

    Und die ganze Zeit über hadert Dietrich  - übrigens ein atemberaubender Ausbund an Borniertheit - mit seiner neuen Rolle als "Gott". Seine christlichen Aufwallungen stoßen bei den Zukunftsbewohnern auf totale Verständnislosigkeit und sorgen immer wieder für Komik. Einmal treibt Dietrich mit seinem Katholizismus sogar eine Riesenspinne in den Selbstmord.

    Geglückte Fertigstellung

    Die große Frage vorab war natürlich, wie sich die Übernahme der Autorenschaft niederschlagen würde. Meiner Meinung nach ist die Fusion geglückt. Stilbruch kann ich keinen erkennen. Ich hätte sogar ein Kapitel, das - wenn ich das Vorwort richtig verstanden habe - noch von Ziegler stammen müsste, Hoffmann zugeschrieben, weil es sprachlich weniger überkandidelt daherkommt als so manches davor. 

    Was das anbelangt, haben sich die LeserInnen schon im ersten "Sardor"-Band an Eigenwilligkeiten gewöhnt. Ziegler setzte auf einen ebenso musikalischen wie exzentrischen Stil und schreckte auch vor Reimen nicht zurück. Hier ein kurzer Auszug - Dietrich betritt besagten Schaumwald: An hundert Stellen zugleich fing es im seifigen Gehölz zu Blubbern und zu Gluckern an, dann schwabbelte es hier und wabbelte es dort, dann schmatzte und gnatzte es in einem fort, und zu allem Überfluss erklang allüberall sumpfiges Gebrabbel. Und so kollerte es schwammig und gurgelte es schlammig, als hätte sich der Wald in Morast verwandelt, der gelangweilt gärte und sich nicht daran störte, welch unvorteilhaften Eindruck er doch machte.

    Auf jeden Fall hat Hoffmann für die Zukunftssaga ein Ende gefunden, das mit einigen Erwartungen bricht. Fraglich, ob Ziegler - der im letzten Kapitel mit einem Cameo-Auftritt geehrt wird - den Schluss so beabsichtigt hätte. Hat aber was.

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