Rundschau: Besuch im galaktischen Zoo

    Ansichtssache14. Dezember 2013, 10:00
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    Von A wie Affen-Zorn bis Z wie Zombie-Kühe: Bücher von Douglas Coupland, Ben Winters, David Brin und Mike Resnick

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    coverfoto: tor books

    Warren Fahy: "Pandemonium"

    Gebundene Ausgabe, 320 Seiten, Tor Books 2012

    A sequel if ever I saw one: "Pandemonium" folgt exakt dem Aufbau seines Vorgängers "Fragment", auf Deutsch als "Biosphere" erschienen. Erst eine Einleitung zum Thema Biologie, dann eine Vorgeschichte zur Romanhandlung (die diesmal nur Jahrzehnte, nicht wie in "Biosphere" Jahrhunderte zurückliegt), gefolgt von der eigentlichen Action-Story und schließlich einem Anhang über spekulative Biologie inklusive vieler Schaubilder zu den im Roman beschriebenen Kreaturen.

    Auf geht's in die nächste Bio-Hölle

    "Biosphere" gelang seinerzeit ja das Kunststück, mich zum Tierhasser zu machen: Zu zerstörerisch waren Fahys aus Fangschreckenkrebsen hervorgegangene Wesen, die die fiktive Insel Henders Island bevölkerten und zur Gefahr für die ganze Welt zu werden drohten. So befriedigend hat sich ein Atombombenabwurf noch nie angefühlt. Dementsprechend hielt sich meine Freude in Grenzen, als zu Beginn des Sequels - ganz dem Schlusseffekt von Horror-B-Filmen entsprechend - beschrieben wurde, wie einige dieser widerlichen Mistviecher der Nuklearattacke entkommen konnten.

    Die kommen allerdings erst später ins Spiel, in erster Linie geht es in "Pandemonium" um ein weiteres eher unwahrscheinliches Ökosystem; diesmal eines, das tief unter der Erde liegt. Das Biologen-Paar Nell und Geoffrey Binswanger, die Helden von "Biosphere", will gerade auf Hochzeitsreise gehen, als sie vom russischen Oligarchen Maxim Dragolovich abgefangen werden. Der hat einer fiktiven sowjetischen Nachfolgerepublik eine unterirdische Anlage abgekauft, die einst Stalin unter dem Uralgebirge errichten ließ. Das als seine letzte Zuflucht gedachte Pobedograd ist übrigens nicht, wie es das Buchcover suggeriert, eine Ansammlung von Kavernen mit ein paar bewohnten Kammern, sondern eine vollständige Stadt mit der Skyline klassisch stalinistischer Zuckerbäckerarchitektur.

    Unwahrscheinliche Ungeheuer

    Allein, da unten ist schon jemand. Oder besser gesagt etwas: Nämlich ein vollständiges Ökosystem in Disco-Optik. Im Anhang kann man all seine fliegenden Tintenfische, puppet-masters, ghosts und fire-bombers bewundern, die in so vielen biolumineszierenden Farben schillern, als wolle Pobedograd den Song Contest austragen. Einmal mehr ist es ein mit Raubtieren krass überbesetztes Ökosystem. Und wie schon in "Biosphere" sind seine Bewohner viel zu überlebenstüchtig für ihre Herkunft: Wenn sich in Wirklichkeit zwei Faunen vermischen, haben die aus dem kleineren Biotop in der Regel ganz schlechte Karten.

    Oder nehmen wir Henders Island aus dem vorherigen Buch: Jede einzelne der dort lebenden Spezies hat das Potenzial, die gesamt Tier- und Pflanzenwelt der übrigen Erde auszurotten. Trotzdem haben es diese Überlebenswunderkünstler in einer halben Milliarde Jahre nicht geschafft, ihre Scheu vor Salzwasser zu überwinden. Kurz durchgezählt zum Vergleich: In einem Zehntel der Zeit sind Säugetiere nicht weniger als neunmal unabhängig voneinander ins Meer zurückgekehrt - und die stellt Fahy ja gegenüber seinen Kreaturen als die Voll-Lulus dar. Dafür, dass Fahy in Vor- und Nachworten seiner Romane so sehr auf biologische Plausibilität pocht, schießt er so einige Grundregeln in den Wind.

    Thriller mit bekannten Elementen

    Aber seien wir mal nicht so pingelig, es ist schließlich ein Roman. Ein knalliger. Alleine schon, dass Dragolovich Nell und Geoffrey eine Forschungsreise "In perfect safety, of course" verspricht, lässt routinierte Thriller-KonsumentInnen das Gegenteil erahnen. Und die Großmäuligkeit des Söldnerkommandos, das die beiden WissenschafterInnen begleitet, schreit ebenfalls nach Strafe (wieder ein Roman, in dem man kein Redshirt sein möchte). Letzteres erinnert sehr an den Film "Aliens", dazu kommen Leihgaben unter anderem aus "Mimic" (Stichwort Duftdrüsen-Einsatz) und "Jurassic Park" (in Form eines kleinen Mädchens mit hochnotwendigen Computerkenntnissen).

    Immerhin bettet Fahy solche wohlbekannten Versatzstücke in einen größeren politischen Rahmen ein: Die Jagd des russischen Staats auf einflussreiche Oligarchen - und die Rachepläne des letzten, der sich der Verfolgung bislang entziehen konnte. Eine zweite Handlungsebene dreht sich um die paar anderen Wesen, die seinerzeit bewusst von Henders Island evakuiert wurden: Die intelligenten hendros (bzw. laut Eigenbezeichnung sels) sind zwar körperlich ebenfalls furchterregend, aber auch friedfertig. Und mittlerweile globale Medien- und Werbestars mit eigenem Twitter-Account.

    Hier bringt Fahy ein altes SF-Motiv ins Spiel: Freundliche "Aliens" lernen die Menschen allmählich von deren schlechter Seite kennen. Allen voran Kuzu, der seine Einsichten über die Menschheit via Internet gewinnt und immer mehr zum Schluss kommt, dass seine am laufenden Band in Kriege und Verbrechen verstrickten GastgeberInnen gar nicht so verschieden von den Bestien sind, mit denen er sich einst seine Insel teilte: They survived the violence and carnage they unleashed only because their rapid birthrate continuously replaced them. Da baut sich weiteres Konfliktpotenzial auf.

    Auf dem Monster-Karussell

    Der Schlussteil, in dem Pobedograd- und Henders-Fauna aufeinanderprallen, gestaltet sich als hundertseitige Hetzjagd nonstop: Wie ein Videospiel auf dem höchsten Level, wo man längst nicht mehr mitdenkt und nur noch der Abzugsfinger glüht. Streckenweise wirkt das sogar herrlich komisch: Monster A reitet auf Monster B und schießt dabei auf Monster C, dazwischen laufen die Menschen nur mehr als kreischende StatistInnen herum. "Pandemonium" ist unglaublich reißerisch - kein Wunder, dass auf dem Buch Blurbs von Steve Alten und Scott Sigler prangen. "Biosphere" ist angeblich übrigens bereits für eine Verfilmung vorgesehen. Hoffentlich mit guten CGI!

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