Rundschau: Besuch im galaktischen Zoo

    Ansichtssache14. Dezember 2013, 10:00
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    Von A wie Affen-Zorn bis Z wie Zombie-Kühe: Bücher von Douglas Coupland, Ben Winters, David Brin und Mike Resnick

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    coverfoto: penhaligon

    Joelle Charbonneau: "Die Auslese"

    Gebundene Ausgabe, 415 Seiten, € 17,50, Penhaligon 2013 (Original: "The Testing", 2013)

    Weiß jemand auf die Schnelle, wer Charlie Bone ist? Oder Leven Thumps? Alcatraz Smedry? Aber spätestens bei Percy Jackson klingelt's, oder? Lauter Wunderknaben, die im Gefolge der Pottermania in magische Umtriebe gestürzt und auf die Auslegetische der Buchhandlungen gestapelt wurden. Das Genre Young-Adult-Dystopie ist gerade dabei, denselben Weg zu gehen.

    Auslöser waren in dem Fall natürlich Suzanne Collins' "Tribute von Panem", die für sich genommen zwar auch nicht mehr Neuland erschlossen als seinerzeit die Potterei. Allerdings braucht es offenbar die Kombination von Plot und (wie auch immer) "richtigem" Zeitpunkt, damit etwas einschlagen kann. Und zumindest das muss ich der Collins-Trilogie lassen: Die Bücher habe ich (leider) nicht gelesen, aber die Verfilmungen fand ich beide um Klassen besser als Vieles, was in den letzten Jahren an "erwachsener" Science Fiction in die Kinos gekommen ist.

    Hintergrund

    Joelle Charbonneau ist eine in den USA lebende Autorin von Krimis und Mystery-Romanen mit einer Vergangenheit als Opernsängerin, das ist doch mal originell! Mit "Die Auslese" hat sie sich nun - ob auf Anraten ihres Verlags hin oder aus eigenem Antrieb - ins neue Modegenre gewagt. Und hat in weiser Selbsterkenntnis die Entscheidung getroffen, sich in Sachen SF-Ausstattung möglichst zurückzuhalten. Wo Genreelemente dann doch auftauchen - in Kurzzeit mutierte Tiere und Menschen oder Technologie, die auf Veränderungen der elektromagnetischen Strahlung beruht -, kommt auch prompt Quatsch raus. Zum größten Teil blieb Charbonneau aber bei dem, was sie beschreiben kann.

    Ein Jahrhundert nach verheerenden Naturkatastrophen und weltweiten Kriegen, die mit ABC-Waffen geführt wurden, ist der Großteil Nordamerikas eine verseuchte Wüstenei. Das Vereinigte Commonwealth arbeitet hart daran, das Land wieder urbar zu machen. Vom neuen Zentrum Tosu-Stadt aus wurde quer über den Kontinent verstreut eine Reihe von Kolonien aufgebaut, die das große Projekt zur Landwiedergewinnung vorantreiben. Ein Projekt, das qualifiziertes Personal braucht: Nur die Elite soll entscheiden, und die wird in einem strengen Ausleseverfahren unter der Jugend des Landes ausgewählt.

    Hauptfiguren und Plot

    Valencia "Cia" Vale aus der Five-Lakes-Kolonie an den Großen Seen ist gerade 16 geworden. Ihre schulischen Leistungen waren gut genug, dass man sie zur Auslese nach Tosu-Stadt schickt - gemeinsam mit ihrem Mitschüler Tomas Endress. Der erfüllt alle Vorgaben, die ein Love Interest in einem YA-Roman zu erfüllen hat: Er ist edelmütig, gutaussehend und bereit die zweite Geige zu spielen. Denn das Geschehen ist ganz auf die patente Cia ausgerichtet, die den Roman im Präsens und in der Ich-Form erzählt. Cias Scharf- und Gerechtigkeitssinn sind gleichermaßen ausgeprägt. Bei Tomas ist ihr Urteilsvermögen möglicherweise nicht ganz ungetrübt, aber Näheres dazu werden wir wohl erst im zweiten Band erfahren (der im Original im Jänner erscheinen wird).

    Schon der aufgesetzt bukolische Kitsch der Five-Lakes-Kolonie mit ihrem Bekleidungsfarbschema à la "Logan's Run" lässt den Leser ahnen, dass die neue Alle-packen-mit-an-Welt nicht ganz so positiv sein dürfte, wie es auf den ersten Blick scheint. Cia wird dies spätestens dann klar, wenn ihr ihr Vater vor der Abreise "Du darfst niemandem vertrauen" zuflüstert. Er hat das Ausleseverfahren ja seinerzeit selbst durchgemacht. Allerdings wurde danach sein Gedächtnis gelöscht, nur vage Albträume sind ihm geblieben.

    Das Ausleseverfahren

    Und die Negativerlebnisse häufen sich. Nicht nur dass Cia feststellen muss, dass alle Prüflinge laufend mit Kameras überwacht werden. Die Tests in Tosu-Stadt haben's auch in sich - vor allem die Strafen für Fehler. Zum Beispiel müssen giftige von ungiftigen Pflanzen unterschieden werden ... und die als unbedenklich eingestuften anschließend gegessen. Charbonneau hat sich ganz ohne große Spezialeffekte einige teuflische Szenarien einfallen lassen. Tödliche Gefahr droht dabei nicht nur von Seiten der "Offiziellen", die die Tests durchführen, sondern auch von skrupellosen MitkandidatInnen, die potenzielle Konkurrenz ausschalten wollen.

    Hätte Charbonneau diesen Teil weiter ausgebaut, wäre "Die Auslese" origineller geworden. Als wichtigster Test - und Hauptteil des Romans - folgt jedoch ein gefahrvoller Überlandmarsch, den die Prüflinge bewältigen müssen und in dessen Verlauf sie ungehemmt aufeinander losgehen. (Ziemlich verschwenderischer Umgang mit Human Resources für ein Land mit geringer Bevölkerungsdichte, nebenbei bemerkt. Ob das wirklich ein geeignetes System ist?) Schon davor klang das Grundszenario des Plots vage bekannt: Ausgewählte Jugendliche aus Regionen mit geringem Wohlstands- und Technologielevel kommen in die Hightech-Hauptstadt und werden dort in einen Wettkampf gegeneinander getrieben. Im Walkabout-Teil schreit der Roman dann aber endgültig so laut "Tribute von Panem", dass man es nicht mehr überhören kann.

    "Die Auslese" ist klassische Trittbrettfahrerliteratur; wie schon zuvor beispielsweise Veronica Roths "Die Bestimmung". Was aber noch keine Aussage darüber darstellt, wie sich der Roman liest. Trotz einiger Schwächen ist "Die Auslese" für sich ok und durchaus spannend, nur eben nicht originell. Aber so ist das halt mit Moden.

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