Der Stolz: Zwischen Selbstbewusstsein und Überheblichkeit

8. November 2013, 14:39
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Die Todsünde Nummer eins besitzt durchaus Qualitäten, die einer Gesellschaft gut bekommen

Brad Pitt und Morgan Freeman treffen auf den Hochmut als Todesursache: Ein Fotomodell wird mit entstelltem Gesicht ermordet aufgefunden. Die stolze Schönheit lieferte dem Killer, der sich in dem Thriller "Seven" durch die Todsünden mordet, mit ihrer Eitelkeit das Motiv für seine Tat.

Hochmütige Eitelkeit ist aber nur eine Facette von vielen, mit der die Todsünde Nummer eins, im Katechismus als "Superbia" verdammt, aufwarten kann. Weniger dramatisch als im Film ergründen Theologie, Biologie, Psychologie und Philosophie das elementare Gefühl des Stolzes aus ihren Perspektiven.

"Der Stolz ist die einzige Todsünde, die noch übrig ist und noch heute etwas Sündhaftes hat", sagt der Vorarlberger Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller. "In einem gewissen Maß ist der Stolz gut für den Selbstwert und die Durchsetzungskraft, überbordender Stolz schwappt in Narzissmus über." Stolz kann krank machen, wenn sowohl der Stolze als auch seine Umgebung zu leiden beginnen, erklärt Haller, der sich in dem Buch "Die Narzissmusfalle" mit der Thematik auseinandersetzt.

Den Narzissten treiben Unsicherheit und Minderwertigkeitsgefühl dazu, andere zu erniedrigen. Sein Verhalten macht ihn mit der Zeit einsam. Als Ursachen für die narzisstische Persönlichkeitsstörung nennt Haller genetische Bereitschaft und zu wenig oder zu viel Aufmerksamkeit in der Kindheit. "Die Gier nach Bewunderung und Zuwendung ist der Hauptrisikofaktor. Die Behandlung ist schwierig, denn der stolze Mensch reflektiert nicht über sein Fehlverhalten, er kann Fehler nicht zulassen."

Menschliche Würde

Auch der deutsche Theologe und Philosoph Friedrich Schorlemmer siedelt den Stolz als Grenzgang an, als elementares Gefühl zwischen Selbstbewusstsein und Überheblichkeit, das auch ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Würde ist. "Stolz ist etwas ganz Elementares, das jeder Mensch braucht, um aus einer gebückten Haltung in die aufrechte zu kommen", sagt Schorlemmer in einer Vortragsreihe über den Stolz. "Wir müssen mit Erfolgen und Misserfolgen umgehen, und dazu brauchen wir andere Menschen, die uns loben, bestätigen und aufrichten, die uns stolz machen."

Schorlemmers Auslegung des Stolzes - als wichtige soziale Kraft im menschlichen Zusammenleben - steht die katholische Einordnung der Superbia als erste der sieben Hauptsünden entgegen. Die römisch-katholische Glaubenslehre verdammt Hochmut und Stolz, weil sie den Menschen verleiten, sich selbst als wertvoller und besser als andere und sogar Gott zu empfinden. "Die gefährlichste Ausprägung erreicht der Stolz in geistigen Dingen, wenn die Seele sich unbußfertig über Gott erhebt, also sich weigert, überhaupt noch das Wort Gottes als Maßstab des Lebens ... zu befolgen", steht im Online-Naschlagewerk Kathpedia.com geschrieben.

Schlechte Charaktereigenschaften seien die Ursachen vieler Sünden, sagt die klassische Theologie. Wobei die Laster nur in bösen Taten Kraft hätten, einzig vor dem Hochmut müsste man sich auch bei guten Taten hüten, wie der christliche Philosoph Augustinus warnte. Vermutlich war es diese niederträchtige Einschätzung, die dem Stolz Luzifer als Dämon zuordnete. "Das christliche Verständnis vom Menschen neigte seit Augustinus eher zum Defizitären als zum Triumphalistischen", kritisiert Schorlemmer eine ethische Tradition, in der nur die hochmütige Seite des Stolzes beleuchtet wird.

Innere Erhabenheit

Losgelöst aus dem religiösen Zusammenhang hat der Stolz durchaus Qualitäten, die einer Gesellschaft gut bekommen. So definierte Adolph Freiherr von Knigge den Stolz aus Ausdruck von Würde. "Ich möchte gern, dass man Stolz als eine edle Eigenschaft der Seele ansähe", schrieb der Ahnherr des guten Benehmens. "Als ein Bewusstsein wahrer innerer Erhabenheit und Würde, als ein Gefühl der Unfähigkeit, niederträchtig zu handeln."

Auch Schorlemmer sieht den Stolz als Motor, der es sogar in einem existenziellen Konflikt erlaubt, sich Erniedrigendem und Erdrückendem entgegenzustellen. "Diktatur stellt Selbstachtung, Würde und Stolz auf die Probe. Stolz ist eine Kraft, um Zivilcourage zu üben, ein Mensch zu bleiben auch unter barbarischen Bedingungen."

Elementare Emotion

Abseits von philosophischen Betrachtungen hat Charles Darwin den Stolz durch die Brille der Evolutionsbiologie gesehen. Aus seiner Perspektive zählt der Stolz ebenso wie Angst, Trauer oder Freude zu den elementaren Emotionen, die der Mensch von seinen tierischen Vorfahren geerbt hat. Der Stolz ist ein angeborenes Gefühl, das wir nicht durch Sozialisation lernen. Er wird nonverbal über den Gesichtsausdruck oder über die Haltung kommuniziert und universal verstanden. Bereits vierjährige Kinder können anhand von Gesichtsausdruck und Körperhaltung den Stolz identifizieren. Die Gemütsbewegung wird in allen menschlichen Kulturen durch gleichartige Mimik und Gebärden ausgedrückt. Die allgemeine Verständlichkeit des Stolzes wirkt sich auch auf seine Funktion im sozialen Gefüge aus.

"Stolz bringt dem Individuum Vorteile, denn er ist ein Mechanismus, um hohen sozialen Status anzuzeigen," erklärt die US-Psychologin Jessica Tracy in ihrem Vortrag "The Psychological Nature of Pride". Wenn Menschen sich stolz zeigen, lösen sie beim Betrachter reflexartig den Eindruck aus, hohen gesellschaftlichen Rang zu genießen. "Sozialen Status erreichen wir über Prestige oder über Dominanz. Beide wurzeln in zwei Ausprägungen des Stolzes." Tracy unterscheidet den authentischen Stolz, der sich nach einem hart erarbeiteten Erfolg einstellt, vom aggressiven Stolz, der auf hochmütiger Verachtung, Feindseligkeit und Arroganz basiert.

In seiner positiven Ausprägung rührt der Stolz von sportlichen, wirtschaftlichen oder sozialen Erfolgen, er umgibt Menschen, die etwas erreicht haben, geschätzt werden und von denen andere lernen möchten. Die dunkle, hochmütige Empfindung gründet auf geringem Selbstwert und erwirbt soziale Dominanz durch Aggressivität, Einschüchterung oder Kontrolle. "Der 'dark pride' fördert Narzissmus, Rassismus und sichert zum Beispiel in Diktaturen Hierarchien", erklärt Tracy. Beide Strategien führen zu einem Aufstieg in der sozialen Hierarchie. "Nach dem Dominanz-Prinzip entstehen die Hierarchien im Tierreich. Die Prestige-Methode ist ein Mechanismus menschlicher sozialer Gefüge, die sich durch kulturelles Lernen weiterentwickeln." Der Stolz trägt also zwei Gesichter. Ob das für die Rehabilitation der Superbia in Kirchenkreisen sorgt, ist jedoch fraglich. (Gabriela Poller-Hartig, derStandard.at, 8.11.2013)

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    Der Hahn gilt im Volksmund als Sinnbild des Stolzes.

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