Tadeusz Mazowiecki, der Vater der Demokratie in Polen, ist tot

28. Oktober 2013, 14:38
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Der erste demokratisch gewählte Ministerpräsident Polens nach dem Zusammenbruch des Kommunismus starb am Montag nach längerer Krankheit im Alter von 86 Jahren

Die hoch erhobene Hand Tadeusz Mazowieckis mit dem Victory-Zeichen, das strahlende und zugleich leicht verlegene Lächeln des katholischen Intellektuellen ging in die Geschichte ein. Am 4. Juni 1989 gewann die Gewerkschaft Solidarnosc die ersten, noch halb freien Wahlen in Polen. Monate zuvor hatte der sogenannte Runde Tisch, an dem Oppositionelle und Kommunisten den Übergang zur Demokratie besprachen, der Solidarnosc höchsten 35 Prozent der Sitze im Parlament zugebilligt, während der übergroße Rest an die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) und ihre Verbündeten fallen sollte. Doch nach den Wahlen schlossen sich die Blockparteien der Freiheits- und Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc an. Gemeinsam wählten sie am 19. August 1989 den ersten nichtkommunistischen Ministerpräsidenten Polens nach 1945: Tadeusz Mazowiecki.

Eine neue Ära in Europa

Mit dieser Wahl eines Bürgerrechtlers und katholischen Intellektuellen begann nicht nur in Polen, sondern in ganz Europa eine neue Ära. Der Eiserne Vorhang riss, die Berliner Mauer fiel, immer mehr Ostblockstaaten gewannen ihre Unabhängigkeit zurück. Am Ende löste sich auch die Sowjetunion auf. Tadeusz Mazowiecki und seine Regierung waren Pioniere der Transformation von der Plan- zur Markwirtschaft, von der Einparteienherrschaft zu Demokratie und Pluralismus. "Es waren schwere Entscheidungen, die ich zu treffen hatte", bekannte Mazowiecki einige Jahre später. Die "Schocktherapie", die sein Finanzminister Leszek Balcerowicz den Polen verordnete, stürzte die Masse der Arbeiter ins Elend. "Ich wusste, dass die Bastionen der Solidarnosc nicht zu halten sein würden. Auf dem freien Markt waren die alten Staatsmoloche nicht konkurrenzfähig." Die Arbeiter, die die neue Freiheit erkämpft hatten, verloren nicht nur ihre Arbeit, sondern auch die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Auch der Elektriker Lech Walesa, der von der Danziger Lenin-Werft aus die Freiheits- und Gewerkschaftsbewegung angeführt hatte, war enttäuscht. Er hatte sich Demokratie und Freiheit ganz anders vorgestellt. Dass die oppositionellen Intellektuellen die Macht übernehmen und die Arbeiter im Regen stehen ließen, weckte eine solche Wut in ihm, dass er sich mit Mazowiecki überwarf. Was zum Zerfall der Regierung führte. Dabei war Mazowiecki in der Zeit der großen Streiks auf der Werft einer der wichtigsten Berater und engsten Vertrauten Walesas gewesen. Doch im Herbst 1990 entschloss sich der glücklose Premier, bei den Präsidentschaftswahlen als Kandidat gegen den Arbeiterhelden Lech Walesa anzutreten. Es kam, wie es kommen musste: Mazowiecki kam nicht einmal in die zweite Runde.

Politik der "dicken Linie"

Viel Ärger brachte Mazowiecki auch seine Politik der "dicken Linie" ein, mit der er die Verantwortung für die Misswirtschaft der PVAP von sich wies. Der Reformer wollte nur an der eigenen Politik und ihren Folgen gemessen werden. Doch seine Gegner deuteten die "dicke Linie" in einen "dicken Strich unter die Vergangenheit" um und unterstellten Mazowiecki, er wolle die Täter unter den Exkommunisten straflos davonkommen lassen. Tatsächlich ließen Mazowieckis Innenminister und sein Geheimdienstchef, die zunächst noch der alten Kommunistenriege entstammten, belastende Akten aus den Archiven verschwinden. Erfahren hat der Premier davon aber erst später.

Versöhnung mit Deutschland

Die deutsch-polnische Versöhnung lag Mazowiecki seit langem am Herzen. Als gläubiger Katholik engagierte er sich seit Jahren im deutsch-polnischen Dialog. Nach dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 wurde aus polnischer Sicht die Grenzfrage immer dringlicher. Polens Politiker fürchteten, dass die Deutschen nach der Wiedervereinigung Ansprüche auf die ehemaligen deutschen Gebiete stellen könnten. Zwar beruhigte der damalige Kanzler Helmut Kohl die Polen, doch vertraglich festlegen wollte er sich nicht. So betrat Mazowiecki zum ersten Mal internationales Parkett und sprach sich bei den Premiers und Staatsoberhäuptern Westeuropas für ein Hinauszögern der Wiedervereinigung Deutschlands aus. Schließlich willigte Kohl ein.

Noch im November 1989 hatten die ungleichen Politiker zum Zeichen der Versöhnung eine gemeinsame Messe im niederschlesischen Kreisau (Krzyzowa) gefeiert und einander symbolträchtig umarmt. Kohl hatte seinen lang erwarteten Staatsbesuch in Polen unterbrochen, als er von der Öffnung der Mauer erfuhr. Doch nach zwei Tagen in Berlin kehrte er nach Polen zurück und beendete den Besuch wie geplant. Dies rechneten Mazowiecki und viele Polen dem damaligen Kanzler hoch an.

Eine politisch bedeutende Rolle spielte Mazowiecki noch einmal 1992 während des Krieges in Bosnien-Herzegowina, als er als UN-Sonderbeauftragter durch das Land reiste. 1995 legte er dieses Amt aus Protest gegen die Untätigkeit der UN angesichts der Morde in Srebrenica nieder. "Das war das Einzige, was ich für die Opfer noch tun konnte", erklärte Mazowiecki später: "So laut gegen die Morde und die Menschenrechtsverletzungen zu protestieren, dass es alle hören mussten." (Gabriele Lesser, 28.10.2013)

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    Am Montag, dem 28. Oktober, starb Tadeusz Mazowiecki nach langer Krankheit in Warschau.

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    Ein Bild vom 4. Juni 1989, das um die Welt ging.

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