Ausflucht aus der ungarischen Unbehaustheit

21. Oktober 2013, 07:30
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In seinem Tagebuch "Letzte Einkehr" macht sich der greise Literaturnobelpreisträger Imre Kertész noch einmal selbst den Prozess

Wien - Die höchste Anerkennung, die einem Dichter zuteilwerden kann, stößt Imre Kertész endgültig in die Depression. Mit der Zuerkennung des Literaturnobelpreises 2002 beginnt für den Ungarn eine Zeit der Entbehrungen. Kertész versteht nicht. Er fühlt sich in seinem Heimatland unbehaust, von den Nationalisten verspottet, vom Betrieb ausgegrenzt. Er kann kein Englisch. Er empfindet seit geraumer Zeit eine tiefe Müdigkeit. Der jüdische Autor des Romans eines Schicksallosen ist über sich selbst am meisten verblüfft. Der Nobelpreis vermag nichts an seiner existenziellen Verstimmung zu ändern.

Letzte Einkehr ist beileibe nicht das erste Tagebuch-Projekt Kertész'. Sein Galeerentagebuch (1992) enthielt eine Auswahl der Aufzeichnungen aus der Zeit des Sozialismus. Ein spröde komponiertes Journal, in dem der Autor vornehmlich über sich selbst zu Gericht saß.

Für Letzte Einkehr hat Kertész die Vorzeichen noch einmal verändert. Die äußere Form wird klein gehalten. Das Journal will als "trivial" verstanden werden. Das tägliche Leben wird unter die Lupe genommen. Die eigene Endlichkeit rückt in den Blick. Er sei "mit garstigen Krankheiten gescheckt, von denen eine lebenslänglich bedeutet (Parkinson)", notiert der Dichter am 1. Jänner 2001. Kertész, der zu diesem Zeitpunkt 71 Jahre alt ist, kann seine eigene Handschrift nicht mehr lesen. Er legt sein Tagebuch daher als Laptop-Datei an.

Letzte Einkehr ist aber auch kein Sudelheft. Die Altersdepression setzt dem Weltberühmten zu. Zugleich zielen die Bemerkungen auf einen letzten, höchsten Ehrgeiz: Kertész möchte ein weiteres Prosawerk schreiben. In diesem soll das Leben in seiner ganzen Banalität und Hinfälligkeit Aufnahme finden. "Den Weg zu Ende gehen", schreibt Kertész, "im wortwörtlichen Sinn. Die Figur zerrütten, zermalmen, zernichten. Aber möglichst ohne jede Erklärung, vor allem ohne jede sogenannte Philosophie."

Ich ist ein anderer

Der Triumph der Letzten Einkehr besteht somit in ihrer Vorläufigkeit. Die Gnadenlosigkeit, mit der Kertész über sich selbst befindet, soll einem fiktionalen Werk zugutekommen. Der Autor liest die Steinchen seines Lebens auf. Aus ihnen soll ein Turmgebäude errichtet werden, ein Buch, in dem die Unterscheidung zwischen Roman und Autobiografie endgültig aufgehoben ist.

Imre Kertész hat die Erfahrung des Überlebens zum Inhalt seines Schreibens gemacht. Als 15-Jähriger wurde er am 11. April 1945 aus dem KZ Buchenwald befreit. Sein Roman eines Schicksallosen (1975) bildet den Niederschlag einer Erfahrung, deren Haltlosigkeit in der Wahl der Perspektive wiederkehrt. "Autobiografik" wird zum Verfahren. Man darf nicht glauben, dass der "Schicksallose" mit der Person Kertész identisch ist. Er wäre ohne Kertész nur völlig undenkbar.

Die Erfahrung von Auschwitz hat Imre Kertész gelehrt, über sich selbst als "ich-loses Wesen" nachzudenken. Die "Epoche der Auschwitzkultur" versetzt ihn in Unruhe und Verlegenheit. Er gesteht ein, "Bote des Untergangs des assimilierten Judentums" zu sein. Das Erstarken der Rechten in Ungarn widert ihn an. Man nimmt es Kertész dort ausgesprochen übel, sich für die Sache der "ungarischen Nation" nicht erwärmen zu können.

Nach der schrittweisen Übersiedlung nach Berlin fühlt sich der betagte Dichter wenigstens etwas daheim. Wo immer er in der Spree-Stadt hingeht, schlägt ihm Zuneigung entgegen. Daniel Barenboim bittet ihn um ein Opernlibretto. Er pflegt Freundschaften, deren ominöseste die zu dem in Wien lebenden Komponisten György Ligeti ist. Der seinerseits todkranke Ligeti wirft Kertész vor, "kokett" über den Nobelpreis zu sprechen. Die Verstimmung zwischen den beiden ist irreparabel.

Sollte bei Kertész tatsächlich Koketterie im Spiel sein, so ist sie das Mittel, das durch den Zweck geheiligt wird. Buchstäblich jahrelang sitzt der Tagebuchschreiber über dem verrückten Prosawerk Letzte Einkehr. Der tatsächliche Text Letzte Einkehr enthält, auf knapp 40 Seiten zwischengeschaltet, das Ergebnis: ein Journal des Journals, die Quintessenz eines unbestechlichen Bewusstseins. Es ist leider fraglich, ob der Letzten Einkehr eine Allerletzte Einkehr folgen wird. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 21.10.2013)

Imre Kertész: "Letzte Einkehr". Tagebücher 2001-2009. Aus dem Ungarischen v. Kristin Schwamm. 466 Seiten. Rowohlt 2013.

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    Virtuos darin, sich selbst - als Schreibanlass - zum Verschwinden zu bringen: der ungarische Weltliterat Imre Kertész.

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