Die politische Pleite der USA schadet allen

Kommentar der anderen20. Oktober 2013, 18:03
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Mit der notdürftigen Lösung der US-Budgetkrise gibt es zwar eine Verschnaufpause für Amerika und die Welt. Die Bedrohung durch die politisch handlungsunfähigen USA aber bleibt

Die Bedrohung durch einen Zahlungsausfall bei US-Staatsanleihen ist - vorerst - gebannt, aber das tiefer liegende Problem bleibt ungelöst: Für Amerikas Republikaner und Demokraten scheinen die Verhandlungen über einen großen Haushaltskompromiss mit höheren Kosten verbunden zu sein, als ein Spiel am Rande des politischen Abgrunds, das selbst auf die Gefahr eines Bankrotts hin stattfindet und mit Sicherheit eine kollektive Fehleinschätzung der längerfristigen Kosten in sich birgt.

Abgesehen von den externen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft wäre der Schaden einer Entwicklung, die über einen kurzfristigen technischen Zahlungsausfall hinausgeht, für innenpolitische Stabilität und Wachstum so schwerwiegend, dass das politische System (und damit auch die beiden Parteien) die damit verbundenen Rückwirkungen nicht überstehen könnte. Inhaber von US-Staatsanleihen in Amerika und anderswo würden einen absichtlichen, nicht durch Zwänge herbeigeführten Zahlungsausfall als Vertrauensbruch werten.

Manche mag diese Tatsache beruhigen, weil sie darauf hindeutet, dass ein realer Zahlungsausfall nicht eintreten wird. Und das bedeutet, dass die fragile Weltwirtschaft, die (derzeit) hinsichtlich der wichtigsten Reservewährung von einem einzigen Land abhängig ist, den politischen Tricks Amerikas standhalten kann.

Das mag stimmen und könnte auf kurze Sicht die einzig praktikable Option darstellen. Doch das Muster der Entscheidungsfindung (oder Nichtentscheidungsfindung) in den USA hat bereits weitere Gefahren aufkommen lassen. Diese werden mit Sicherheit ihren Niederschlag in einem Aufwärtsdruck auf die Zinssätze finden, und ab diesem Zeitpunkt wird die Federal Reserve auf den Plan treten.

Da die amerikanische Notenbank weit davon entfernt ist, ihre monatlichen Anleihenkäufe einzustellen, kann man sich leicht ein Szenario vorstellen, in dem sich die ohnehin schon beträchtliche Bilanz der Fed noch rascher ausweiten müsste, um den negativen wirtschaftlichen Auswirkungen eines ungeplanten - und rapiden - Anstiegs der Kreditkosten entgegenzuwirken. Und das zu einer Zeit, da viele (so auch ich) glauben, dass das stärkere US-Wirtschaftswachstum den geordneten Ausstieg aus der Politik des gestützten Wachstums sowohl in Amerika als auch auf internationaler Ebene als klugen Weg erscheinen lässt.

Technisch zahlungsunfähig

Außerhalb der USA hätte selbst ein technischer Zahlungsausfall tiefgreifende Auswirkungen. Die Eurozone ist zwar noch immer mit der Wiederherstellung des Gleichgewichts und strukturellen Herausforderungen konfrontiert, aber es gelang ihr, auf den Staatsanleihemärkten für eine Phase der Stabilität zu sorgen. Ein Zahlungsausfall der USA allerdings hätte Kapitalzuflüsse zur Folge. Dadurch würde der Kurs des Euro steigen und somit die ohnehin schon beträchtlichen Schwierigkeiten hinsichtlich des Wachstums und der Beschäftigung noch erhöhen sowie die Erholung der beschädigten Ökonomien an der Peripherie beinahe unmöglich machen.

Zusätzlich zu den mit der Aufwertung ihrer jeweiligen Währungen verbundenen Schwierigkeiten wären China und andere Länder, die sich im Besitz amerikanischer Anleihen befinden, mit Kapitalverlusten konfrontiert. Man fühlt sich an die während der Krise 2008 außerhalb der USA geäußerte Fassungslosigkeit erinnert, als die Möglichkeit eines Ausfalls bei jenen Anleihen im Raum stand, die über eine implizite staatliche Garantie verfügten.

Im März 2009 argumentierte der Gouverneur der People's Bank of China, Zhou Xiaochuan, dass die Rolle des Dollars als wichtigste internationale Reservewährung nicht im Interesse der Weltwirtschaft oder der USA selbst sei. In einer expandierenden Weltwirtschaft wird das Land der Leitwährung in Leistungsbilanzdefizite gedrängt - und daher auch in ein fremdkapitalfinanziertes Wachstumsmodell, dessen Stärke und Unabhängigkeit systematisch erodieren, weil es zunehmend auf ausländisches Kapital und Vermögenswerte in ausländischem Besitz angewiesen ist.

Momentan können wir beobachten, dass die Weltwirtschaft nicht nur von der Stärke des Landes der Leitwährung abhängt, sondern auch von dessen Werten - insbesondere seiner fortgesetzten Bereitschaft, entscheidende internationale Verpflichtungen vor innenpolitische Streitigkeiten zu stellen. Die amerikanische Governance-Krise hat das infrage gestellt.

Die langfristigen Auswirkungen der Bedrohung durch einen US-Zahlungsausfall werden überwiegend negativ ausfallen. Zunächst wird die Vorstellung gefestigt, dass Politik und politische Auseinandersetzungen mit Blick auf innenpolitische Fragen und Interessen stattfinden müssen, und zwar ungeachtet der globalen Auswirkungen - selbst wenn diese Auswirkungen immer größere Kreise ziehen. Tatsächlich scheinen manche Gruppierungen innerhalb des politischen Systems der USA die enormen negativen Rückwirkungen eines Störfalls im globalen Finanzsystem auf die eigene Wirtschaft nicht zu verstehen.

Zweitens werden ausländische Inhaber von US-Anleihen beinahe sicher beginnen, diese als riskant zu betrachten und, wenn möglich, ihr Portfolio in andere Richtungen zu diversifizieren. Das ist nicht unbedingt schlecht, der Übergang könnte aber unruhig werden. Drittens wird die Bereitschaft, Amerikas Kreditwürdigkeit für innenpolitische Zwecke in Geiselhaft zu nehmen, den Rückgang des US-Einflusses auf die globale wirtschaftliche Governance und Führung noch beschleunigen. Kurz- bis mittelfristig könnte dieser Rückgang ein Vakuum schaffen und zu Volatilität und erhöhtem Risiko führen, weil es nur wenige Kandidaten gibt, die an die Stelle der USA treten können.

Schrittweiser Übergang

Fairerweise ist festzustellen, dass der Trend in Richtung eines verringerten Einflusses der USA bereits im Gange war und in gewissem Sinne unvermeidlich ist. Die Hoffnung bestand darin, dass dieser Übergang schrittweise und stabil über die Bühne geht, wobei die USA die Führungsrolle hätten einnehmen sollen, so wie dies die meiste Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall war.

Schließlich könnte das Risiko eines Zahlungsausfalls der USA Zhous Agenda des Jahres 2009 neues Leben einhauchen und die Suche nach funktionierenden Alternativen für das Modell eines einzigen Leitwährungslandes beschleunigen. Letztlich möchte niemand, dass das globale System innenpolitischen Kämpfen eines einzigen Landes ausgeliefert ist.

Die Weltwirtschaft steht in den nächsten Jahren vor ungeheuren Bewährungsproben: Wachstum, Beschäftigung sowie Herausforderungen im Bereich der Verteilungsgerechtigkeit in Industrie- und Entwicklungsländern; weitreichende institutionelle Reformen in Europa; der komplexe Übergang zu einem Land mittleren Einkommens in China sowie die fortgesetzte Notwendigkeit, weltweit die Armut zu verringern. Diese Aufgaben wirksam zu bewältigen erfordert die Schaffung eines globalen Governance-Systems, innerhalb dessen es nicht möglich ist, dass die Innenpolitik eines Landes die Aussichten der anderen Länder gefährdet.

Die unmittelbare Bedrohung durch die USA ist vorbei. Es besteht allerdings kein Anlass, erleichtert aufzuatmen und zur Tagesordnung überzugehen. (Michael Spence, DER STANDARD, 21.10.2013) Übersetzung: H. Klinger-Groier © Project Syndicate

Michael Spence (69) ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University. Im Jahr 2001 erhielt er den Nobelpreis.

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