Ein Diplomat wie ein Olivenzweig

15. Oktober 2013, 19:33
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Irans Außenminister und Atomchefverhandler Mohammed Javad Zarif

Medien griffen zu blumigen Formulierungen, als der neue iranische Präsident den Karrierediplomaten Mohammed Javad Zarif zum Außenminister und Atomchefverhandler machte: Damit strecke Hassan Rohani den USA einen Olivenzweig entgegen. Diplomaten stellen dem 53-Jährigen, der von 2002 bis 2007 iranischer Botschafter bei der Uno in New York war, ein gutes Zeugnis aus: Zarif suche wirklich die Verständigung mit dem Wes-ten. Üblicher Nachsatz: Wenn man ihn nur lässt.

Betont wird dabei immer die westliche akademische Sozialisierung Zarifs. Er studierte Politikwissenschaften an der San Francisco State University und machte danach an der Universität Denver seinen Doktor. Früh war er als Mittelsmann eingesetzt: In Man Without a Gun, den Erinnerungen von Giandomenico Picco, Vermittler in der sich durch die 1980er ziehende Geiselkrise im Libanon, kommt Zarif als junger Diplomat vor. Zarif dolmetschte 1992 beim dramatischen Treffen Piccos mit Präsident Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, in dem Ersterer Letzterem die Nachricht von der Wortbrüchigkeit Washingtons übermitteln musste. Für die iranische Kooperation bei der Befreiung der Geiseln im Libanon hatten die USA ein Zugehen auf den Iran versprochen - und das Versprechen gebrochen.

Zwanzig Jahre später, 2002/03, war Zarif selbst Protagonist bei der Unternehmung, die als ungenützte Chance eines "Grand Bargain" in die US-iranische Geschichte eingehen sollte. Die Treffen zwischen iranischen und amerikanischen Vertretern fanden in Zarifs New Yorker Wohnung statt - bevor die Regierung von George W. Bush den Prozess stoppte.

Die - natürlich nicht nur an dieser Front verursachte - Schwächung der iranischen Reformer brachte bekanntlich 2005 Mahmud Ahmadi-Nejad ins Präsidentenamt; der kaltgestellte Zarif stürzte sich in Teheran ins akademische Leben. Wobei der bürgerliche Konservative nie an den harten Fraktionskämpfen der folgenden Jahren teilnahm, die in der Auseinandersetzung um die Wiederwahl Ahmadi-Nejads 2009 gipfelten. Das heißt, er machte sich keine Feinde.

Als Twitterer (auf Englisch) erlangte der neue iranische Außenminister anlässlich des jüdischen Neujahrsfests Berühmtheit, als er auf Anfrage inhaltlich schrieb, dass die Leugnung des Holocausts das Geschäft anderer im Iran sei, nicht das seine. Leute, die ihn kennen, loben den Vater zweier (in den USA geborenen) Kinder für seinen Humor. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 16.10.2013)

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