Im Burgtheater kriselt es

Leserkommentar15. Oktober 2013, 21:36
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Ein Theaterbesucher über einen Zwischenfall, der für die Ressourcenknappheit im Burgtheater steht

Der Traum zeichnet sich gerade dadurch aus, nicht nur nicht Realität zu sein, sondern im Träumen die Realität zu vergessen. Der Traum ist nicht Teil der Realität, er ist eine andere Realität. Es ist nicht die Realität, die sich da draußen Raum verschafft. Ein Riss in der Traumsequenz wird zunächst noch zu Traummaterial verarbeitet, ist er zu groß wird der Traum als Illusion entlarvt. Die Realität verschafft sich Platz, ganz oft, ohne dass sie gefragt wurde.

Und so erging es auch den Träumenden im Burgtheater anlässlich des 125-Jahr-Jubiläums des Hauses am Ring. Drei Tag lang wurde das Träumen veranschlagt: "Von welchem Theater träumen wir?"; Vortrag an Vortrag, Traumsequenz an Traumsequenz aneinandergereiht. Es hatte den Anschein, als mache man ungern ein Pause, denn nichts ist für das Träumen schlimmer, als eine Unterbrechung. Und so war es dann auch.

Ein Billeteur weckt auf

Es geschah nach der Mittagspause, kurz vor Beginn des Nachmittagsprogramms. Ein Realitätspartikel nutzte den Riss in der Traumsequenz. Die Gefahr war groß, nicht mehr in den Traum zurückzufinden, gegen den Traumbeschmutzer musste unverzüglich vorgegangen werden. Er stand bereits auf der Bühne, ein Billeteur, der auf die Realität im Burgtheater aufmerksam machen wollte; dass die Arbeit des Billeteurs an einen Sicherheitsdienstleister ausgelagert wurde.

Aber soweit ist es gar nicht gekommen. Er ist gerade noch dazu gekommen sich vorzustellen. Einzelne Wortfetzen von „ausgelagerte Dienstleistung" sind noch im Zuschauerraum angekommen. Das Träumen stand auf den Spiel. Nur durch beherztes Eingreifen der Kuratorin wurde Schlimmeres verhindert. Es wurde ihm schnell das Wort entzogen, nicht ohne ihn darauf zu vertrösten, dass er sein Anliegen gerne danach, nach dem Träumen kund tun könne. Doch es war bereits zu spät. Ich konnte nicht mehr in den Traummodus zurückkehren. Schuld daran war nicht die Realität in Form des Billeteurs, der auf der Bühne stand.

Zu wenig Geld

Schuld daran war nicht die Botschaft, dass das Burgtheater auch Arbeitgeber ist. Ebensowenig der Umstand, dass auch beim Burgtheater das Geld eine knappe Ressource ist. Geschuldet war es dem Umstand, dieser Realität das Träumen zu verweigern.

Da wurde vor der Pause noch darüber geträumt, wem das Theater gehört, warum das Haus Sinn macht, wie es weiterhin möglich ist, Realität auf der Bühne abzubilden und in Frage zu stellen. Ein Ort der Auseinandersetzung soll es sein, das Theater, wurde geträumt. Doch jeder, der träumt, ist immer auch real. So wie das träumende Burgtheater Teil der Realität der Prekarisierung des Arbeitsmarktes ist.

So träumt man zum 125. Geburtstag des Hauses am Ring über die eigene Realität des hinweg, anstatt sie als Ausgangspunkt des Träumens zu machen. Wir alle lieben das politische Theater. Aber nur dann, wenn es uns selbst nicht betrifft. (Leserkommentar, Markus Karner, derStandard.at, 15.10.2013)

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