Der sozialistische Klippenturnverein

3. August 2003, 21:42
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Ibsens szenisches Monumentalgedicht "Peer Gynt" als fahrbarer Untersatz für Kresniks verwegenen Ritt auf der Festspielstraße

Längst ist Choreograf Johann Kresnik sein eigener bester Revolutionsverwalter. Der mit dem Schauspiel Hannover koproduzierte "Peer Gynt" auf der Perner-Insel hat nicht viel mit unserer Lebenswelt, wohl aber mit linken Phantomschmerzen zu tun.


Hallein - Der Kärntner Choreograf Johann Kresnik ist der große Geisterfahrer auf der deutschen Theaterautobahn. Den braven Moderegisseuren in ihren windschlüpfrigen Aufführungsvehikeln, an denen die stumpf lackierte Außenhaut um so vieles wichtiger ist als alles inwendig Ausgedachte, kommt er maximal großspurig entgegen:

Als ein Schrecken der Konformisten, der rund eineinhalb Jahrzehnte nach dem Mauerfall allen Gegenverkehrsteilnehmern noch immer sein "Revolution!" entgegenbrüllt, während die Zuschauer hinter dem Pannenstreifen einander wohlwollend zulächeln: Ja, so ist er, der Hans! Nimmt es als Einziger mit dem Zeitgeist auf.
Nun hat sich Kresnik für seinen verwegenen Ritt auf der Festspielstraße ausgerechnet Ibsens szenisches Monumentalgedicht Peer Gynt als fahrbaren Untersatz ausgewählt. Als müsse er, um auch wirklich ins Schleudern zu geraten, in einer güldenen Kutsche mit Hirschgeweihen reisen. Nun baut er um: verkleidet den nordländischen Faust als nachwachsenden Baby-Revolutionär (Benjamin Höppner). Der kommt auf der Perner-Insel zunächst über eine grün mattierte Hügelkette heruntergerutscht und mischt sich unter eine Hochzeitsgesellschaft, wobei er Magnesium aus einem Zinkkübel über die zackig Turnenden großzügig hinstäubt.

Geile Mutterhexe

Die Begegnung mit der zauberischen Mutterhexe Aase (Cornelia Kempers) steht im Zeichen eines sexuellen Dienstleistungsverhältnisses. Mutti keucht dazu geschichtskopulationsmächtig, als ginge sie bei Professor Habermas zur Schule: "Das Grundgesetz ist ein Stück Nachkriegsgeschichte." - gleich kommt's - "Die Revolution ist auch nur eine Hure!"

Exakt die felsige Kluft zwischen Revolution und Ejakulation tut sich auf in Kresniks szenischem edition suhrkamp-Bändchen. Häufig meisterlich bebildert und aufopferungsvoll getanzt auf Martin Zehetgrubers Bühne, die nach Einrollen der grünen Aue aus morastig versinkenden Klassikerschädeln besteht (Josef Stalin liegt nicht weit entfernt von John F. Kennedy).
Warum Kresnik ausgerechnet auf den alten Ibsen verfallen ist, um nach der US-Konsumgesellschaft mit Koffeindrinkdosen zu werfen, bleibt das größte Rätsel an diesem gar nie ärgerlichen, sondern bloß furchtbar lauen Abend.

Denn eigentlich sitzt ihm Heiner Müllers härenes Revolutionshemdchen sehr viel näher als der Ibsen-Rock mit seinen bizarren Rentierhornknöpfen. Peer wird auf drei Personen aufgespalten. Episodenweise trifft man auf die Revolutionäre Galloudec, Debuisson und Sasportas, die im Namen der (kippenden) Französischen Revolution die Sklaveninsel Jamaika aufmischen, darüber aber ihren "Auftrag" vergessen.
Der schönste Satz an diesem furchtbar aufwändigen, frauenhautentblößenden Revueabend mit Klippenturnen, Augenverkleben, Bush-Beschimpfen, Bilderzerreißen und Papiergeldeinsammeln stammt aus Müllers Feder - die in Wahrheit ein eherner Schlagbohrer war: "Wenn die Lebenden nicht mehr kämpfen können, kämpfen die Toten." Und keiner blickt so entgeistert fein wie Peer II: der wundervolle Roland Renner.
Willkommen also im Reich der lebendigen Toten: Ihre Gerippe klappern so laut, dass man sie für Rasende halten könnte. Raser im Festspielbezirk aber hält man nicht auf. (DER STANDARD, Printausgabe vom 4.8.2003)

Von
Ronald Pohl
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    Es grünt so grün, wo Ibsens Trolle ziehen: Im Vordergrund ein kahler Peer (Roland Renner), der die Dovre-Kö-nigstochter (Franziska Henschel) im Auftrag der Salzburger Festspiele mit Bewässe-rungsideen für sich einnimmt.

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