Holt die FPÖ in die Regierung, jetzt!

Kommentar der anderen2. Oktober 2013, 19:48
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Haben Sie am Wahlsonntag auch den Elefanten gesehen? Als Tarek Leitner pünktlich um 17 Uhr das Ergebnis verkündete, stand er direkt neben ihm. Und während Marie-Claire Zimmermann wieder einmal nicht wusste, wo die angefangene Moderation eigentlich enden sollte, stupste sie der Elefant mit seinem Rüssel an, wie um zu sagen: "Hey, ich bin doch auch noch da."  Niemand hat den Elefanten im Raum gesehen, niemand hat ihn gehört. Doch er war den ganzen Abend lang da – und er war blau.

Der Elefant ist die FPÖ. Sie war unter den etablierten Parteien die große Siegerin bei dieser Nationalratswahl. Doch so richtig hat das niemanden gejuckt. Das Motto für die Zeit nach der Wahl lautete: Business as usual. Dabei kam die FPÖ dem ersten Platz bei einer Nationalratswahl noch nie so nahe wie diesmal. Nur 5,7 Prozentpunkte trennen sie von Platz eins. 1999, als die FPÖ ihr bisher bestes Ergebnis eingefahren hat, waren es noch 6,2 Prozentpunkte. Am Sonntag haben abermals sämtliche Politiker das Problem zu einem Problemchen kleingeredet und aus dem freiheitlichen Elefanten eine Mücke gemacht.

Das Prinzip der Integration

Gerade den Sozialdemokraten muss jeder Höhenflug der FPÖ besonders weh tun, hat sie doch von allen Parteien die größte Schnittmenge mit der Strache-Truppe. Sowohl SPÖ als auch FPÖ sind antielitäre Arbeiterparteien, für massive Umverteilungen von oben nach unten, bankenskeptisch und sehen sich als Anwalt des "kleinen Mannes" . Man kann diese Liste weiterführen. Mit ihrer Ausschließeritis schadet die SPÖ vor allem sich selbst, als irgendwem anderen. Vielleicht sollten die Sozis einfach anfangen, ihren Lieblingsgegner zu umarmen.

Dank der modernen Psychologie kennen wir das Prinzip der Integration. Pädophile, Vergewaltiger und Mörder sollen nach abgesessener Haftstrafe möglichst sanft wieder in die Gesellschaft eingebunden werden. Ahmed und Ayşe müssen im Schulunterricht "mitgenommen"  werden, damit sie sich auch trotz erheblicher Sprachdefizite nicht diskriminiert fühlen. Und Conchita Wurst schafft es sogar, zwei Geschlechter in einem Körper zu integrieren. Wenn man also will, passt alles zusammen.

Wenn die Sozis wirklich wollen, dass die Blauen ihnen nicht ständig die Stimmen klauen, und wenn ihnen auch etwas daran gelegen ist, dass sich die "soziale Heimatpartei"  endlich beim Thema Ausländer beruhigt, müssen sie anfangen, diese verhaltensauffälligen Störenfriede zu integrieren und eine Partnerschaft mit ihnen eingehen. Das wäre zwar keine Liebesheirat, es wäre nicht einmal eine Vernunftehe. Nein, es würde sich dabei um eine Zwangsheirat handeln, und die FPÖ wäre eine Braut wider Willen. Ein Bündnis nicht aus Idealismus, sondern aus Opportunismus.

Ein Zweckbündnis

In Beziehungen machen Partner auf einmal Dinge, die sie vorher nie getan hätten. Jeder Paartherapeut und jeder Politologe kennt dieses Phänomen. Partner gehen unterbewusste Deals ein, ganz einfach, um nicht am alltäglichen Leben zu verzweifeln. Der Metal-Fan kann sich plötzlich mit der Jack-Johnson-Plattensammlung seiner neuen Flamme anfreunden, und die Angebetete hält auf einmal die brutalsten Horrorfilme aus, nur damit die gemeinsamen Sonntagabende vor der Glotze nicht jedes Mal im Streit darüber enden, ob der Tatort nun "todlangweilig"  oder nur "grottenschlecht"  war. Wenn es ums nackte Überleben geht, kann man sich immer irgendwie arrangieren. Eine Regierung aus SPÖ und FPÖ wäre ein solches Zweckbündnis. Der Zweck ist, die FPÖ zu entzaubern.

Doch die nicht mehr ganz so große Koalition zwischen SPÖ und ÖVP wird vermutlich weitergehen. Die beiden werden weiterwursteln und weiterverwalten, was das Zeug hält. Sie werden in einem Remake ihrer selbst die Österreicher in einen komatösen Tiefschlaf regieren. Und während die Arrivierten von Rot und Schwarz weiterhin versuchen, sich auf der Regierungsbühne gegenseitig ein Bein zu stellen, geht der Aufstieg des Heinz-Christian Strache und der Seinen unaufhaltsam weiter. Jedes Kind weiß: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte.

Handeln, oder untergehen wie die Titanic

Die große Koalition ist wie eine Legebatterie, wo sich die Hühner aufgrund von Platzenge gegenseitig in den Tod picken. "Hazää"  muss nur warten und die beiden Streithähne Faymann und Spindelegger ihren Käfigfight so lange austragen lassen, bis seine Stunde geschlagen hat.

Wer die FPÖ ausgrenzt, verleiht ihr Flügel. Deswegen Genossen: Holt die FPÖ in die Regierung, jetzt! Sonst wird bei der nächsten Wahl aus einem blauen Wunder ein blaues Auge – und Strache erster Kanzler der dritten Republik. Liebe Sozialdemokratie, Partei von Victor Adler und Karl Renner, Ihr seid auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Der Eisberg naht, aber ihr könnt oder wollt ihn nicht sehen. Wenn ihr so weitermacht, werdet ihr untergehen wie die Titanic. Ihr könnt nun Euren Weitblick unter Beweis stellen. Nehmt Euch Euren Angstgegner FPÖ. Nehmt ihn von hinten. Nehmt Euch die Freiheitlichen in eine Koalition und lasst sie euch schmecken wie einen guten Teller Pasta. Denn mit H.-C. Strache ist es genauso wie mit Parmesan – am besten schmeckt er zerrieben. (Oliver Jeges, DER STANDARD, 3.10.2013)

 

Oliver Jeges (30), in Wien geboren, lebt als Journalist und Autor in Berlin.

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