Rundschau: Lebwohl, Amerikawelt

    Ansichtssache2. November 2013, 10:00
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    Die famose Kooperation von Terry Pratchett und Stephen Baxter sowie Romane von Greg Bear, George R. R. Martin, Zachary Jernigan und Mark Hodder

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    coverfoto: heyne

    Greg Bear: "Äon"

    Broschiert, 656 Seiten, € 11,30, Heyne 2013 (Original: "Eon", 1985)

    Mithilfe erbeten: Ich suche SF-Romane, die das Ende der Sowjetunion antizipiert haben. Nicht im großen Knall eines Dritten Weltkriegs, sondern als so weitgehend unspektakulären Zerfall aufgrund systemimmanenter Mängel, wie es tatsächlich abgelaufen ist. Immer wieder faszinierend, wie SF-AutorInnen bis praktisch zum Ende hin ganz selbstverständlich Zukunftsvisionen inklusive der Eroberung des Weltraums zeichneten, in denen USA und UdSSR als gleichwertige Akteure auftreten.

    Soviel zum angeblichen Vorhersage-Potenzial von Science Fiction ... das ihr ohnehin hauptsächlich Genre-Externe gerne zuschreiben. China hat die SF ja - mit wenigen Ausnahmen wie Maureen F. McHughs "China Mountain Zhang" - auch erst zur Supermacht aufgebaut, nachdem dies bereits in den Schlagzeilen der Wirtschaftsnachrichten zu lesen war.

    Die Ausgangslage

    Damit wir uns aber nicht missverstehen: Das ist nicht als Kritik an Greg Bears 1985 erschienenem Roman "Äon" gemeint, in dem sich die Sowjetunion zumindest bis ins neue Jahrtausend, also die Handlungszeit, gehalten hat. Im Gegenteil, der ideologische und schließlich bewaffnete Konflikt der beiden Supermächte trägt sogar wesentlich dazu bei, speziell die erste Hälfte des Romans zu einem fantastischen Leseerlebnis zu machen.

    Kurz vor der Jahrtausendwende taucht ein etwa 290 Kilometer langer Asteroid über der Erde auf und schwenkt in einen Orbit ein. In kurzen Kapiteln streifen wir die folgenden Jahre, in denen Forschungsexpeditionen zum "Stein" hochgeschickt werden und in den sieben gewaltigen Kammern seines Inneren eine dauerhafte Besatzung etablieren. Federführend agieren die USA; ein paar befreundete Nationen lassen sie teilhaben. Die Sowjetunion hingegen fühlt sich ausgeschlossen und plant eine eigene, bewaffnete, Mission. Die internationalen Spannungen nehmen zu.

    Dabei ahnt man unten auf der Erde noch gar nichts von den wirklichen Geheimnissen des Steins. Nämlich dass er aus der (oder zumindest einer) Zukunft kommt. Und dass seine letzte Kammer in einen "Korridor" mündet, der weit über die Grenzen des Asteroiden hinausreicht. Oder die des Sonnensystems ... oder überhaupt die von Raum und Zeit.

    Die menschliche Seite

    In dieser brisanten Gemengelage bewegen sich die Menschen, die den Asteroiden erkunden sollen. Wie Patricia Vasquez, eine Mathematikerin und theoretische Physikerin. Oder Gary Lannier, der die wachsende Gemeinde von ForscherInnen und Sicherheitsleuten managen soll. Vom politischen Gegner kommt der Offizier Pawel Mirski ... der übrigens nicht nur Tod und Wiedergeburt erleben, sondern im Nachfolgeband auf eine wahrhaft epische Reise geschickt werden wird. Da "Äon" in der Heyne-Reihe "Meisterwerke der Science Fiction" neuaufgelegt worden ist, nehme ich allerdings an, dass es eher bei einem Einzelband bleiben wird. Vom zweiten Band "Eternity" lässt sich in Antiquariaten vielleicht noch die deutsche Ausgabe von 1992 ("Ewigkeit") auftreiben. Den dritten, "Legacy", gibt es nur auf Englisch.

    Patricia reist mit einem mulmigen Gefühl an - sie mag sich gar nicht ausmalen, wie ihr abgehobenes Fachgebiet mit dem Untersuchungsobjekt zusammenhängen könnte. Und das ist nur eines der Beispiele für die Atmosphäre wachsenden Unbehagens, die die erste Hälfte des Romans beherrscht. Die schiere Größe des Objekts lastet ebenso auf den ProtagonistInnen wie die vorgefundene Supertechnologie - früher oder später kommt jeder an den Punkt, an dem er aus Überforderung "zumacht", wie es im Roman heißt.

    Dazu kommt das Wissen, dass der Stein aus der Zukunft kommt - einer Zukunft, in der genau der Atomkrieg, auf den die Erde mehr und mehr zuzusteuern scheint, tatsächlich stattgefunden hat. Greg Bear verschmilzt damit in meisterlicher Weise so unterschiedliche Elemente wie einen BDO-Plot, Sense of Wonder und die Angst vor einem Weltkrieg zu einem einheitlichen Ganzen. Nicht zu vergessen die symbolhafte Bedeutung des Bildes, in dem sich das alles verdichtet: Ein Stein, der über den Köpfen der Menschheit hängt.

    Ideologische Konflikte mit wechselnden Waffen

    Wenn es schließlich tatsächlich zu Kampfhandlungen kommt, könnte der Unterschied zum Heldengedudel in Evan Curries "In die Dunkelheit" (siehe vorherige Seite) nicht größer sein. Bear beschreibt ausführlich die Anspannung der Soldaten vor der Schlacht und den Blick über die Leichen danach - der eigentliche Kampf wird nur kurz gestreift. Und auch die Ereignisse auf der Erde erleben wir nur aus dem Off mit. Die Schilderung des Krieges ist hier weit entfernt von jeder heroischen Anwandlung.

    Fortschreitende technische und geistige Entwicklung sind übrigens kein Garant für Frieden, wie die zweite Hälfte des Romans zeigen wird. Auch die posthumane Gesellschaft des Hexamon, die den im Superraum eingelagerten Korridor "hinter" dem Asteroiden bewohnt, kennt ideologische Konflikte. Ausgetragen werden sie allerdings mit völlig anderen Mitteln. Kein Wunder in einer Zivilisation, die statt Materie geformte Raumzeit an sich benutzt ... Bear wird die LeserInnen in der Folge mit einer unglaublichen Menge abgehobener Konzepte fordern bis überfordern: Viel Spaß! Da wird "Äon" zu einem Vorgeschmack auf das, was Bear gut 20 Jahre später in "Die Stadt am Ende der Zeit" noch weiter treiben sollte.

    Hard SF als Droge

    Greg Bear gilt als Vertreter der Hard SF. Allerdings scheinen bei ihm die Grenzen zwischen theoretischer Physik und Metaphysik immer wieder mal durchlässig zu werden - ein Eindruck, den ich bei anderen Vertretern dieser Richtung wie Stephen Baxter, Greg Egan oder Hannu Rajaniemi nie habe. Als Beispiel sei die Rekonstruktion einer in digitalen Fragmenten konservierten Persönlichkeit des Hexamon genannt: Da das Ganze größer sei als die Summe seiner Teile, muss Patricia ihr Mysterium beisteuern, um das Werk zu vollenden und den Gespeicherten wiederauferstehen zu lassen. Das ist im Grunde nichts anderes als eine Umschreibung der Seele oder des "göttlichen Funkens".

    Mir persönlich geht in der zweiten Hälfte des Romans der menschliche Faktor im Mahlstrom der Gestalt annehmenden Abstraktionen und mega-dimensionierten Ereignisse etwas verloren. Das ist aber eine rein subjektive Sichtweise. Wie auch zwei völlig konträre "Äon"-Rezensionen zeigen, die beide eine Drogen-Metapher bemühen. Auf der "SF Site" spricht Alma Hromic in ihrem Verriss von the narcotic effect of overkill. Autor Stephen Baxter hingegen preist "Äon" und spricht von einem sheer ideative sugar rush. Ob man sich von Bears brodelndem Ideen-Labor eher betäubt oder angeregt fühlt, hängt also ganz von einem selbst ab - beeindruckt wird man auf jeden Fall sein.

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