Rundschau: Lebwohl, Amerikawelt

    Ansichtssache2. November 2013, 10:00
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    Die famose Kooperation von Terry Pratchett und Stephen Baxter sowie Romane von Greg Bear, George R. R. Martin, Zachary Jernigan und Mark Hodder

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    coverfoto: heyne

    Evan Currie: "In die Dunkelheit"

    Broschiert, 688 Seiten, € 11,30, Heyne 2013 (Original: "Into the Black - Odyssey One", 2012)

    In der SF-Fachzeitschrift "Locus" gibt es die Rubrik "Date File", die ich insbesondere nach den Angaben zu Übersetzungslizenzen durchkämme. Ist vielleicht ein subjektiver Eindruck, aber schon seit längerer Zeit scheinen mir da die Verkäufe nach Deutschland rückläufig zu sein. Insbesondere bei Heyne, dem Haus für Premium- und Blockbuster-SF, wäre das ein Jammer. In den letzten Programmen gab's recht viele Wiederveröffentlichungen älterer Titel (siehe auch die nächste Seite) und gar nicht so wahnsinnig viele neue. Selbst vermeintlich sichere Bänke lassen auf sich warten - Alastair Reynolds' "Blue Remembered Earth" oder Iain Banks' "The Hydrogen Sonata" etwa sind auch im Frühlingsprogramm 2014 noch nicht enthalten. Umso enttäuschender, dass eine 700-seitige Belanglosigkeit wie dies hier innerhalb eines Jahres den Weg ins Deutsche gefunden hat.

    Vielleicht war es ja billig zu haben. Der kanadische Autor Evan Currie hat seine "Odyssey"-Reihe zunächst als E-Books veröffentlicht, bis ein Verlag die Druckrechte erwarb. Nach dem Erstling "Into the Black" 2011 folgten im Jahrestakt zwei vergleichbare Ziegel, so ganz nebenbei schreibt Currie zudem mit "Warrior's Wings" an einer zweiten Military-SF-Reihe (vier Bände seit 2011), im November erscheint der Auftaktband einer dritten. Bei einem solchen Output ahnt man, dass die Qualität davon nicht ganz unbeeinflusst bleiben wird.

    Zur Handlung

    Auf den Kern reduziert, hat "In die Dunkelheit" einen astreinen Pulp-Plot: Unternehmungslustige Westmänner ziehen ins Unbekannte hinaus und retten als Erstes eine junge Frau vor Monstern. Anschließend helfen sie dann einer uralten, aber schlafmützigen Zivilisation (ein paar tausend Jahre Frieden verweichlichen eben) gegen eine Invasion ebendieser Monster und stellen dabei überlegene Tatkraft unter Beweis. Das Ganze halt nicht im Dschungel, sondern mit Raumschiffen.

    Besagte Frau heißt Milla und ist überaus menschlich - die Fremdheit ihrer Zivilisation drückt sich hauptsächlich darin aus, dass es dort keine Büstenhalter gibt. Und Milla bekommt von unseren Dritter-Weltkrieg-gestählten Erdmännern auch gleich mal ins Stammbuch geschrieben, dass Frieden um des Friedens willen der falsche Weg ist. Mehrfach fällt sie in der Folge, obwohl eine Große ihres Volks, in die Rolle einer kulleräugigen Tussi zurück, die wie ein Papagei die schwierigen Fachausdrücke ihrer Retter nachplappert. Als Handlungsfigur bleibt Milla genauso eine Pappkameradin wie Kommandant Eric Weston und der restliche Haufen Buddies, die mit dem Raumschiff "Odyssey" durchs All düsen. Sinnlos, weitere Namen aufzuzählen.

    Null Ahnung von Physik

    Grundsätzlich ist gegen Fantasie-Technik wie Transitionstriebwerke nichts einzuwenden. Die ehrenwerten Einschränkungen der Mundane SF aufs wissenschaftlich Vorstellbare können einem mit der Zeit nämlich auch auf die Nerven gehen. Da macht es durchaus Spaß, wenn uns ein Autor endlich mal wieder in Nullzeit von Sternsystem zu Sternsystem zischen lässt.

    ... aber derart komplett auf Physik pfeifen wie Currie muss man auch nicht gleich. "Lichtgeschwindigkeit!" Milla war schockiert. Bruchteile der Lichtgeschwindigkeit oder Annäherungen an Lichtgeschwindigkeit waren innerhalb einer Atmosphäre zwar durchaus möglich, aber sie hatte noch nie von einem Piloten gehört, der bei solchem Tempo noch die Kontrolle über die Maschine behalten konnte. - Tja, jetzt kennt sie welche. Westons Männer düsen mit einem Zehntel Lichtgeschwindigkeit durch die Wolken und steuern dabei gekonnt mit Pedalen, wie jeder gute Autofahrer.

    Schwarze Logik-Löcher

    Schon bei Filmen gilt: Logik kommt nicht teurer als Unlogik, ein niedriges Budget ist also keine Entschuldigung für Unsinn. Bei Büchern erst recht nicht. "In die Dunkelheit" wirft jede Menge Fragen auf, wenn man sich denn die Mühe machen will. Warum wird der allererste Prototyp eines Überlichtantriebs gleich in ein riesiges und daher vermutlich superteures Raumschiff eingebaut? Warum schickt man überhaupt einen waffenstarrenden "Flugzeugträger" voller Kampfjäger zur wissenschaftlichen Erkundung ins All? (Zum Glück muss rasch gekämpft werden.)

    Warum denkt niemand daran, die Erde über die vermutlich wichtigste Entdeckung in der Geschichte der Menschheit zu informieren - nämlich dass da draußen seit Jahrtausenden andere Menschen leben, die eine Art romanische Sprache sprechen? Und warum hüpft die immerhin in Nullzeit reisende "Odyssey" nicht wenigstens dann kurz im Sonnensystem vorbei, als sich abzeichnet, dass die spinnenartigen Drasins nicht nur Millas Zivilisation, sondern auch die Menschheit gefährden?

    Für Letzteres reicht Currie eine zynische "Erklärung" nach: Ach, die Erde könnte sich gegen die buchstäblich planetenfressenden Drasins eh nicht verteidigen, da braucht man sie auch gleich gar nicht warnen. Naja, vielleicht könnte man ja zumindest ein paar Leute evakuieren, damit nicht alle Eier in einem Nest liegen, wenn ein Riesenspinnenfuß drauftritt. Nur so'n Gedanke.

    Ballern bis der Arzt kommt

    Seine Stärken spielt der Roman dann aus, wenn es ans Kämpfen geht. Die ganze zweite Hälfte ist mehr oder weniger eine einzige Schlacht; wir sprechen da von an die 400 Seiten! Ähnlich wie bei Peter Bergs Film "Battleship" schaltet man dann halt das Hirn ab, lässt sich von der Action beballern und vergisst das dümmliche Drumherum.

    "In die Dunkelheit" ist ein Plastikbomber von einem Buch. Keine einzige Idee darin ist originell, nicht mal die schlechten. Und wem das alles noch nicht genug war: Im Jänner kommt schon der nächste Band, passend betitelt "Aus der Tiefe".

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