Rundschau: Lebwohl, Amerikawelt

    Ansichtssache2. November 2013, 10:00
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    Die famose Kooperation von Terry Pratchett und Stephen Baxter sowie Romane von Greg Bear, George R. R. Martin, Zachary Jernigan und Mark Hodder

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    coverfoto: penhaligon

    George R. R. Martin: "Der Heckenritter von Westeros: Das Urteil der Sieben"

    Klappenbroschur, 416 Seiten, € 15,50, Penhaligon 2013 (Original: "Hedge Knight", 1998; "The Sworn Sword", 2003; "The Mystery Knight", 2010)

    "Game of Thrones"-Fans dürften sich schon wie die Falken auf dieses Buch gestürzt haben, immerhin wird es als Prequel zur Erfolgsserie "Das Lied von Eis und Feuer" angekündigt. In gewissem Sinne stimmt das auch. Es ist nur zu beachten, dass es sich nicht um einen Roman handelt, sondern um eine chronologisch angeordnete Zusammenstellung dreier Novellen, die George R. R. Martin über einen längeren Zeitraum hinweg veröffentlicht hat. Weitere Beiträge zur "Heckenritter"-Reihe, deren erste Teile es auch als Comics gibt, sind geplant.

    Deutschsprachige LeserInnen haben übrigens einen Startvorteil: Auf Englisch ist eine Omnibusausgabe der ersten drei Novellen erst in Planung. Nachdem zwei davon bereits in deutschsprachigen Anthologien erschienen sind, hat der Penhaligon-Verlag die Gunst der Stunde genutzt und diese mit dem bislang unübersetzten "The Mystery Knight" ("Der geheimnisvolle Ritter") schon jetzt auf den Markt gebracht; das ist doch mal ein Service.

    Es war einmal in Westeros ...

    Nachdem ich keine Endlosserien mehr lese (nicht mal so gute wie "Das Lied von Eis und Feuer"), war für mich in erster Linie interessant, ob die "Heckenritter"-Abenteuer auch für sich allein stehen können. Tun sie. Alt-Fans brauchen keine Angst haben: Es gibt genug Querverweise, um das Ganze in den "Westeros"-Kosmos einzufügen. Trotzdem merkt man den Novellen an, dass Martin hier mit einem gewissen Maß an Befreiung schreiben konnte. Eine derart ausgefeilte und in sich verzahnte Welt wie die seiner Hauptreihe kann auch wie Blei auf einem lasten, wenn man einfach nur Geschichten erzählen möchte.

    Zeitlich befinden wir uns knapp 90 Jahre vor dem Beginn der Hauptreihe. Die Sieben Königreiche von Westeros sind noch unter der Herrschaft des Hauses Targaryen vereint, die höchsten Kreise der Politik betreten wir zunächst aber nicht. Im Mittelpunkt der Handlung steht der jugendliche Dunk, der Knappe eines gealterten Heckenritters, wie all die landlosen Ritter genannt werden, die außer ihrem Titel und einer Rüstung keinerlei Besitz haben. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie damit, dass sie durch die Lande ziehen, mit Glück bei einem Turnier ein wenig Geld gewinnen und mit noch mehr Glück einen Job bei einem Burgherrn ergattern. Recht New Economy, eigentlich. Die dritte Novelle bietet einige schöne respektive ernüchternde Einblicke in diese alles andere als heroische Lebenswelt.

    Die Hauptfiguren

    Gleich zu Beginn muss Dunk seinen Herrn begraben und schlüpft fortan selbst in die Rolle eines Heckenritters ("Duncan der Große") - ein anderes Leben kennt das ehemalige Straßenkind aus den Slums von Königsmund ja auch nicht. Trotz seiner niederen Herkunft und seines vermutlich niemals stattgefundenen Ritterschlags verkörpert Dunk die ritterlichen Ideale aber wie keine andere Figur in Martins Erzählungen. Blöd wie eine Burgmauer findet er sich selbst. Was nichts anderes heißt, als dass ihm gänzlich die Tücke fehlt, die Martin seinen Figuren so gerne verleiht. Ein ungewöhnlich rundum-positiver Protagonist also. Und auch wenn er im Verlauf weiterer Novellen wohl noch einen Reifeprozess durchleben wird, sieht es fürs Erste nicht danach aus, dass Dunk jemals seine Moralvorstellungen über Bord werfen wird.

    "Tales of Dunk and Egg" heißt dieser Erzählzyklus im Original, und besagtes "Ei" tritt Dunk in Form eines bloßfüßigen kleinen Jungen entgegen, der unbedingt Dunks Knappe werden will. Dass sich Ei bald als Aegon, ein ausgebüxter Sprössling aus dem Hause Targaryen, entpuppt, wird Dunk mehr überraschen als die LeserInnen. Dass Aegons Vater schließlich tatsächlich zustimmt, seinen hochwohlgeborenen Sohn mit Dunk auf die ungewisse Reise gehen zu lassen, lässt sich in Sachen Glaubwürdigkeit gerade noch so als soziales Experiment schlucken. (Aegons Brüder sind nämlich hoffnungslos verzogen - vielleicht wird aus dem Kleinen ja was, wenn er durch eine rauere Schule geht. Wird es auch, wie Westeros-Chronisten wissen ...) Auf jeden Fall ist damit das dynamische Duo Dunk & Ei geboren und bereit, von Abenteuer zu Abenteuer zu ziehen.

    Leichtfüßige Erzählungen

    Diese Abenteuer wirken zunächst zumindest wie eine Light-Version der Hauptreihe, ein wenig Martin'scher Geist fließt aber von Anfang an ein. Und wird sich mehren. In der ersten Novelle, "Der Heckenritter", endet ein Turnier nicht nur für die Guten blutig. In der zweiten, "Das verschworene Schwert", zeigt sich, dass öffentliches Image und harte Fakten nicht unbedingt übereinstimmen müssen - und Dunk steht plötzlich vor dem Problem, dass er sich womöglich der falschen Seite verpflichtet hat. Und in der dritten ... aber das wäre gespoilert. Tendenziell zeichnet sich übrigens ab, dass auch die "Heckenritter"-Abenteuer mehr und mehr in eine große politische Rahmenhandlung eingebettet werden.

    Der Hauptunterschied zum "Lied von Eis und Feuer" ergibt sich aus einem rein strukturellen Umstand: Da es sich bei den Erzählungen nicht um Romane, sondern um Novellen handelt, entfällt der von der mosaikartig angelegten Hauptreihe gewohnte Wechsel zwischen verschiedenen Perspektiven. Es gibt eine ganz klar definierte erste Hauptfigur - schon die zweite folgt erst in einigem Abstand, alle anderen sind erst recht keine gleichwertigen Akteure.

    Liest sich ziemlich gut, das Ganze. Und ist - wie immer man das bewerten mag - etwas leichter verdaulich als die sehr zynischen "Eis und Feuer"-Romane. Mal sehen, wie's weitergeht - fürs Erste jedenfalls setzt Martin noch nicht auf die brutale Keule, wenn er wie gewohnt die High Fantasy auf den Boden der nüchternen Realität herunterholt. Schließen wir mit einem schönen Textbeispiel: Als sie die Pastete aufschnitten, stieg ein halbes Hundert Vögel auf und flog in der Halle herum. Bei anderen Hochzeiten, die Dunk besucht hatte, war die Pastete mit Tauben oder Singvögeln gefüllt gewesen, doch in dieser befanden sich Blauhäher und Feldlerchen, Tauben und Amseln, Spottdrosseln und Nachtigallen, kleine braune Spatzen und ein großer roter Papagei. "Einundzwanzig Sorten Vögel", sagte Ser Kyl. "Einundzwanzig Sorten Vogelscheiße", erwiderte Ser Maynard. "In Eurem Herzen ist kein Platz für Poesie, Ser." "Und Ihr habt Scheiße auf der Schulter."

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