Rudernde Zeugen und ein Rotlicht-Obmann in Wien

30. September 2013, 18:04
21 Postings

Finale im Prozess gegen angeblichen Wiener "Gürtelboss" Richard Steiner

Wien - Es gibt ja zwei Arten von Mafiapaten. Auf der einen Seite Figuren wie Bernardo "Der Traktor" Provenzano, der selbst Blut an den Händen hat. Und dann Menschen wie der New Yorker Boss John "Teflon-Don" Gotti, die das Licht der Öffentlichkeit nicht scheuen. Wenn Richard Steiner der Chef einer kriminellen Organisation im Wiener Rotlichtmilieu war, wie ihm Anklägerin Susanne Kerbl-Cortella vorwirft, gehört er definitiv zum zweiten Typ.

Dass er sich in einem Medienartikel einmal als "Gürtelboss" bezeichnen ließ, bedauert er am 30. Verhandlungstag vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Stefan Erdei. "Obmann für die Betreiber wäre besser gewesen." Schließlich habe er für einen Interessensausgleich und Serviceleistungen am Gürtel gesorgt, die allen Lokalbesitzern zugute gekommen seien, betont auch sein Verteidiger Christian Werner im Schlussplädoyer.

Überraschung

Zuvor sorgt Steiner noch für eine Überraschung. Überreicht er doch dem wie immer jovial verhandelnden Erdei ein notariell beglaubigtes Schriftstück von Zoran J., der ihn bei der Polizei massiv belastet hat. Nun schreibt Zoran, dass er nie Schutzgeld bezahlt habe und auch sonst keine Probleme mit Steiner gehabt habe.

"Wie kommen Sie zu dem Schreiben?", will Erdei wissen. "Ich habe ihn in einem Laufhaus getroffen und er hat sich entschuldigt", erklärt Steiner. Interessant: Die Polizei hat J. bisher nicht ausfindig machen können, daher trat er auch nicht vor Gericht auf. "Ich war weder bewaffnet noch habe ich ihn bedroht. Da können Sie den Notar fragen", versichert der 42-jährige Erstangeklagte deshalb.

Schlussplädoyer der Anklage

Wie überhaupt das Verfahren von teils erstaunlichen Erinnerungslücken geprägt ist. Auch Thomas S. reiht sich ein: "Ich glaube eher, dass es mir von der Polizei suggestiert (sic!) worden ist", meint er bezüglich einer früheren Anschuldigung, die ihm nun wieder nicht erinnerlich ist.

Auch Kerbl-Cortella verweist in ihrem Schlussplädoyer darauf: "Die Zeugen sind samt und sonders zurückgerudert, wie man im Fachjargon sagt" . Dabei könnten aber Angst und Respekt eine Rolle gespielt haben, also glaube sie deren Aussagen vor der Polizei mehr.

Am Dienstag sprechen die übrigen Verteidiger der sechs Angeklagten, dann gibt es das Urteil. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 1.10.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Bild vor der Fortführung der Verhandlung am Dienstag.

Share if you care.