Für Musikpädagogen ist Venezuela das Vorbild

30. September 2013, 09:05
5 Postings

Das Gastspiel der Kinder von El Sistema bei den Salzburger Festspielen begeisterte nicht nur das Publikum

Wenn Gerhard Hofbauer, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Musikerziehung im Bildungsministerium, über Venezuela spricht, gerät er ins Schwärmen: "Wir strudeln uns in Österreich auch ab", sagt der oberste Lobbyist in Sachen Musikerziehung hierzulande, aber etwas in der Qualität des Kinder-Symphonieorchesters aus Venezuela oder wie den White Hands Choir, der mit sinnesbehinderten Kindern arbeitet, gebe es in Österreich einfach nicht.

400.000 Kinder und Jugendliche

Obschon: Rein statistisch liegen die Österreicher weit vor Venezuela. In dem südamerikanischen Land mit rund 30 Millionen Einwohner nehmen rund 400.000 Kinder und Jugendliche am Musikschulprogramm teil, im Acht-Millionen-Land Österreich sind immerhin 200.000 in Musikschulen eingeschrieben.

Warum die Südamerikaner trotzdem weit voraus sind, war Thema einer von Hofbauer gemeinsam mit den Salzburger Festspielen und der Stiftung Mozarteum initiierten Fachtagung anlässlich des Gastspiels des Kinder-Symphonieorchesters und des White Hands Choir bei den diesjährigen Salzburger Festspielen. Das Ergebnis kurz gefasst: Es liegt an "El Sistema". In dem 1975 gegründeten Musikprojekt sind inzwischen 400.000 Kinder und Jugendliche in 286 Musikschulen und 24 Orchestern engagiert. Das bei den Festspielen aufgetretene Orquesta Sinfónica Simón Bolívar ist nur die Spitze des sprichwörtlichen Eisbergs.

Bei El Sistema werde mit den Kindern landesweit - "und vor allem systematisch" - Musik gemacht. Viele kämen freiwillig täglich in den Unterricht. In Österreich hingegen sei die Musikschulszene "fragmentiert" und der Unterricht würde sich oft auf eine Wochenstunde beschränken, sagt Hofbauer.

Bei der Fachtagung im Rahmen der Salzburger Festspiele wurden freilich auch didaktische Unterschiede manifest. Die österreichische Orchesterarbeit verlaufe entlang strukturierter, fachlicher Anweisungen; zum Beispiel: "Die erste Note im Takt betonen!" Der Zugang der Venezolaner sei von bildhaften Vergleichen geprägt: "Stellt euch vor, ihr fliegt."

Sonderpädagogik

Besonderen Nachholbedarf habe Österreich bei der musikalischen Arbeit mit Menschen mit speziellem Förderbedarf. Zwei der auffälligsten Defizite, die in der Tagung aufs Tapet gekommen sind: Im Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention fehle die musikalische Bildung. Sport sei sehr wohl enthalten. Besonders grotesk findet Hofbauer, dass in den sonderpädagogischen Lehrplänen für Hörbehinderte die musikalischen Unterrichtsanteile eingeschränkt wurden. Damit würden die Kinder noch einmal auf ihre Behinderung "reduziert". Dabei zeigte gerade der White Hands Choir - der Name stammt übrigens von den in weißen Handschuhen steckenden Händen, mit denen die Betreuer den Kindern Zeichen geben -, dass Hörbehinderte in ihrem "Aktionsfenster" musikalisch mitwirken können.

Auch in der Lehrerausbildung hat die Konferenz Handlungsbedarf geortet. Unter anderem fordern die Musikpädagogen ein verpflichtendes Grundmodul an allen Pädagogischen Hochschulen, in dem angehende Lehrer grundsätzliche Kompetenzen für sonderpädagogische musikalische Förderung erwerben müssen. (Thomas Neuhold, DER STANDARD, 28./29.9.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Ein großes Fest, alles tanzt". Die Dirigenten von El Sistema geben ihre Anweisungen in bildhafter Sprache.

Share if you care.