Tiefer Fall: Woran Blackberry scheitert

Analyse23. September 2013, 12:52
38 Postings

Quartalszahlen zeichnen düstere Zukunft - Ehemalige Marktgröße hat Zeichen der Zeit verschlafen

Der deutsche Manager Thorsten Heins ist im Januar 2012 angetreten, um den kanadischen Smartphonehersteller Blackberry aus der Krise zu führen. Doch ein Blick auf die zuletzt veröffentlichten Quartalszahlen zeigt: Bislang ist die Mission gescheitert, das Unternehmen befindet sich dem Abgrund so nahe, wie noch nie. Der "Guardian" berichtet.

Schwindende Verkaufszahlen

3,7 Millionen Handys konnte Blackberry in den vergangenen drei Monaten absetzen. Und damit wohl weniger, als Apple alleine an diesem Wochenende an iPhones an seine Kunden gebracht hat. Neben einem Verlust von 250 Millionen Dollar und Einnahmen weit unter den Prognosen der Analysten haben sich auch die Vorhersagen des Firmenchefs als völlig falsch erwiesen.

Blackberry hatte das iPhone einst für einen untauglichen Konkurrenten gehalten, weil Apple auf ein Keyboard verzichtet und vollständig auf einen Touchscreen gesetzt hatte. Die Tastatur scheint auch Heins heilig zu sein. Dem Q10, eine Iteration eines "klassischen" Blackberrys mit dem neuen Blackberry-10-Betriebssystem, prophezeite er dutzende Millionen an Verkäufen. Der tatsächliche Absatz seit der Einführung im zweiten Quartal wird auf rund eine Million Geräte geschätzt.

Sparkurs

Doch seiner Situation ist sich das Unternehmen bewusst. Von rund 11.000 Mitarbeitern müssen 4.500 gehen, nachdem in den vergangenen zwei Finanzperioden bereits 7.000 Mitarbeiter entlassen wuden. Anstelle von sechs Geräten wird man das eigene Smartphone-Portfolio künftig auf vier beschränken. Schon seit dem Sommer sucht ein internes Expertengremium nach Lösungen - eine davon lautet "Verkauf".

Skepsis

Das führt zu der Frage, wer überhaupt Interesse an dem schwer angeschlagenen Riesen haben könnte. Ein ehemaliger Insider gibt sich diesbezüglich dem "Guardian" gegenüber skeptisch und sieht weder Käufer noch Ausweg.

Der Vorstoß auf andere Plattformen mit dem Messenger-Dienst kommt zudem auch nicht in die Gänge. Der für letztes Wochenende geplante Start wurde aufgrund von Problemen unerwartet verschoben. Gleichzeitig betritt man ein Feld, das von Konkurrenten wie "What's App" bereits ausgiebig gepflügt wird.

Reserven

Noch hat man Reserven. Das eigene Patentportfolio schätzt Blackberry auf einen Wert von drei Milliarden Dollar. Die Servicesparte mit ihren 35 Millionen Geschäftskunden könnte bis zu 4,5 Milliarden einbringen. Dazu gibt es Geldreserven von 2,6 Milliarden Dollar und keine Schuldenlast. Potenzielle Kaufinteressenten sind trotzdem rar gesät.

Kanadischer Zuspätkommer

Doch was war der Knackpunkt im Fall des einstigen Marktführers? Neben gescheiterten Experimenten wie dem Playbook (750 Millionen Dollar Abschreibungen) hat der ehemalige Chef Mike Lazaridis das iPhone als auch den damit eingehenden Wandel der Arbeitswelt unterschätzt.

Dazu kam der Neustart mit dem Blackberry 10-Betriebssystem und neuen Geräten wie dem Z10 ebenfalls zu spät. Ein Produkt, das 2011 noch einen Unterschied gemacht hätte, wurde nach zahlreichen Verzögerungen erst Anfang 2013 an den Start gebracht, als Google und Apple den Consumer-Markt bereits komfortabel unter sich aufgeteilt hatten.

Kein Draht zu den Consumern

Zu diesem Kundensegment findet das Unternehmen anscheinend auch keinen Anschluss mehr. Der WebStandard hat bei den heimischen Mobilfunkern A1, T-Mobile und Drei nachgefragt, wie gut Blackberry in der jüngeren Vergangenheit bei der Kundschaft angekommen ist. Die Antworten ähneln sich stark. Im Privatkundenbereich sieht man bei T-Mobile einen rückläufigen Trend mit Blackberry OS 7, aber sieht eine Gegenbewegung durch die neuen Geräte mit Blackberry 10. A1 erklärt, dass man den Bestand mit Blackberry 10 zwar ausbauen konnte, der Trend aber klar in Richtung Android und iOS gehe. "3"-Pressesprecher Tom Tesch bezeichnete das Modell Z10 als "beliebtes Gerät".

Unisono betonen aber alle drei Unternehmen, dass vor allem Geschäftskunden zu Blackberry greifen. A1 nennt sieht Blackberry im Großkundensegment in der Führungsrolle. Gleichzeitig heißt es aber auch, dass das System nie großen Stellenwert im Privatkundensegment erreicht hat - auch Blackberry 10 sei keine Ausnahme. Als Ursache sieht man, dass die Unique Selling Points von Blackberry-Geräten und System - großer Fokus auf Sicherheit, IT-Policies und vollwertige Gerätetastatur - für Consumer nicht als wichtig angesehen werden. (gpi, derStandard.at, 23.09.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Anfang 2012 übernahm Thorsten Heins das Ruder bei Blackberry. Bislang konnte aber auch er kein Mittel gegen den Abstieg des Konzerns finden.

Share if you care.