Krankenschwestern, die operieren?

Leserkommentar23. September 2013, 09:56
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Ein Reformpapier, das vorsieht, Krankenschwestern künftig operieren zu lassen, sorgt derzeit am Gesundheitssektor für gehörigen Wirbel

Dem Jahrbuch der Statistik zufolge waren in Österreich 2011 über 414.000 Personen 80 Jahre alt oder älter. Im Jahr 2030 sollen es laut Statistik Austria schon über 640.000 sein. Spannend, zumal in dieser Altersgruppe das Risiko pflegebedürftig zu sein, rasant steigt. Bei der Gruppe der 80- bis 85-Jährigen liegt es bei über 20 Prozent. Eine Tatsache, die Querdenken zur politischen Disziplin werden lässt. Wer zahlt künftig? Wer versorgt? Fragen, die ohne Wenn und Aber neue Antworten brauchen.

Neue Idee

Eine davon sickerte unlängst durch. Die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG), also jene ministeriumsnahe Institution, die sich unter anderem mit der Entwicklung des Pflegebereichs beschäftigt, hat ein Reformpapier erarbeitet, das Pflegenden in Aussicht stellt, künftig zu operieren. Die Meldung war noch nicht druckreif, da war die Entrüstung schon da.

So wie von Gesundheitsreform und elektronischer Gesundheitsakte (ELGA) bekannt, medizinisch indiziert. Sobald eine neue Idee auftaucht, egal, wer sie vorstellt und egal, was sie bringt, wird sie von der Ärztekammer fast schon reflexartig abgelehnt. Geht nicht. Kann nicht. Will nicht. Der steirische Ärztekammerpräsident ging sogar soweit, das vorliegende Diskussionspapier als "dumm und gefährlich" zu bezeichnen. Weil auch im Pflegebereich mit einem Personalmangel zu rechnen sei, und dieser sich durch eine Verlagerung der Kompetenzen noch verschärfe.

In der Erklärung der eigenen Entrüstung wird alles, wenn es sein muss sogar die Sorge um den Pflegebereich, als Argument vorgeschoben. Und wie aus den Kampagnen zuletzt gewohnt, wird die Panikmaschinerie wieder bedient. Es könne doch nicht sein, dass plötzlich Personen an Menschen rumschnipseln, die vom Schnipseln nichts verstehen.

Falsche Angst

Eine Angstmache, der allerdings die Angst fehlt. Denn im definierten Reformpapier geht es nicht darum, dass die Krankenschwester der Zukunft den offenen Schenkelhalsbruch operiert. Auch nicht den dreifachen Bypass. Oder das akute Abdomen. Vielmehr darum, sinnvolle Überlegungen anzustellen, wie man das Gesundheitssystem im Land vor dem prognostizierten Kollaps retten kann. Laut europäischem Gesundheitsforum 2010 in Bad Hofgastein fehlen der EU im Jahr 2020 bis zu 230.000 Mediziner.

Die Gesundheitsverantwortlichen im Land müssen sich Gedanken darüber machen, an welchen Schrauben gedreht werden soll. Nur an der Gehaltsschraube von Ärzten zu drehen, ist vermutlich zu wenig – und führt zudem in Abhängigkeit. Die Gefahr liegt nämlich auf der Hand, dass dann bei jedem weiteren Medizinermangel abermals die finanzielle Rute ins Fenster gestellt wird.

Angesichts der drohenden Personalknappheit ist es deshalb nicht nur legitim, sondern auch ein Gebot der Stunde, offen darüber nachzudenken, welche  der Tätigkeiten, die bislang Ärzten vorbehalten sind, künftig von nichtärztlichen Gesundheitsberufen übernommen werden können. Und zwar ohne Rücksicht auf medizinische Befindlichkeit.

Kompetenzen verschieben

Dass sich Kompetenzen am Gesundheitssektor durchaus auch ohne Qualitätseinbußen verschieben lassen, belegen Beispiele aus der Gegenwart. Die jüngste Evaluierung der Pflegegeldbegutachtung zeigt deutlich, dass der Pflegende dem Mediziner in der Qualität der Begutachtung um nichts nachsteht. Nur in der Bezahlung hinkt er ihm hinterher. Und es ist nicht nur die augenscheinliche Wahrnehmung von Betroffenen, dass die spezialisierte Pflegefachkraft sowohl von der Wundversorgung als auch vom Diabetesmanagement oft um einiges mehr versteht, als der behandelnde, nicht spezialisierte Mediziner.

Der Blick über den Tellerrand hinaus zeigt, dass gepflegte Spezialisten in England durchaus in der Lage sind, ein Skalpell gerade zu halten oder ein Röntgen zu befunden. Das Modell des Advanced Nursing Practitioners (ANP) wird auf der Insel nicht nur seit Jahren gelebt, sondern auch geschätzt. Bleibt noch die Frage offen, warum der Arzt hierzulande  nach wie vor im Glauben ist, dass nur er das kann? (Leserkommentar, Thomas Strickner, derStandard.at, 23.9.2013)

Thomas Strickner ist Landesvorsitzender des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands (Landesverband Tirol), Obmann der ARGE Mobile Pflege Tirol und arbeitet in der Bereichsleitung Hauskrankenpflege, Innsbrucker Soziale Dienste GmbH.

 

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