Die Diktatur der Nützlichkeit

Kommentar20. September 2013, 13:50
117 Postings

In der Migrationsdebatte wird von Menschen nur mehr als Ressource gesprochen

Ein Staat kann und soll sich aussuchen, welche Menschen einwandern - diese Vorstellung hat sich in Österreich vollends durchgesetzt. Es geht sogar so weit, dass Österreich als angeblich säkularer Staat das Menschenrecht auf Asyl auf jene beschränken möchte, die "gefallen" beziehungsweise die richtige Religion haben. Der wichtigste Faktor beim Migranten-Casting bleibt aber die wirtschaftliche Verwertbarkeit: Wir wollen "fleißige, gut integrierte Arbeitskräfte hereinholen" und mit der Rot-Weiß-Rot-Card ausschließlich "gut ausgebildete Fachkräfte" ins Land lassen.

Wie in kaum einem anderen Themengebiet zeigt sich eine beunruhigende gesamtgesellschaftliche Entwicklung hier sehr deutlich, dass der Mensch nur mehr als Ressource für Wirtschaft und Staat gesehen wird und nicht mehr als Mensch.

Statt von Diskriminierung von Migranten sprechen wir nun von "ungenütztem Potenzial" und "vergebenen Chancen." Ohne Migranten gehen schließlich sogar "die Märkte zugrunde" - besser kann auch die SPÖ ihren vermeintlichen Einsatz für Gleichberechtigung nicht argumentieren.

Und so entdecken Firmen langsam Migranten als Zielgruppe, Ethnomarketing tut das Seine zum gesellschaftlichen Teufelskreis. Ganze Ratgeber und Veranstaltungen zu "Diversity Management" widmen sich der Frage, wie man gesellschaftliche Vielfalt produktiv im Rahmen der Marktwirtschaft nutzen kann. Die Maxime: Durch Vielfalt in Werbung, Produkten und auch Personal können neue Märkte erschlossen werden - Menschenrecht als Profitsteigerung.

Für diese Phänomene gibt es einen guten Überbegriff: Nützlichkeitsrassismus. Die gesamte Migrationsdebatte dreht sich darum, welchen Nutzen Migranten für den Wirtschaftsstandort Österreich haben können. Das ist vor allem der Diktion des Leistung fetischisierenden ÖVP-Staatssekretariats für Integration zu verdanken. Das Kosten-Nutzen-Denken zieht sich aber quer durch die Parteienlandschaft. Man denke nur an die leidigen Rechnungen zu Sozialleistungen von Migranten: Die Frage ist gar nicht, ob Migranten mehr in den Sozialtopf einzahlen oder herausbekommen - sondern, warum wir Menschen eigentlich nur mehr anhand ihrer (Aus-)Nutzbarkeit beurteilen.

Man möchte gar nicht andeuten, was für Grausamkeiten Resultat eines konsequenten Nützlichkeitsdenkens etwa im Zusammenhang mit Menschen mit Behinderung wären. Dass das kein Thema aus den finsteren Zeiten des NS-Regimes ist, zeigt ein Blick in aktuelle Tageszeitungen: In den U.S.A. etwa gibt es schon direkte Angriffe, Stigmatisierung und öffentliche Demütigung von Menschen mit Behinderung, die staatliche Hilfe beanspruchen.

Menschen als Ressource zu sehen, schafft ein menschen- und demokratiefeindliches Klima, in dem der Wert eines Lebens gleich der marktwirtschaftlichen Verwertbarkeit ist. Von hier aus ist es nicht mehr weit bis zu einer gefährlichen Diktatur der Nützlichkeit. (Olja Alvir, daStandard.at, 20.9.2013)

Share if you care.