Bussis unter Strafe? Verwirrung um Kussverbot in Wiener Linien

20. September 2013, 10:52
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Die mehr als freie Interpretation der "Rücksicht"-Kampagne der Wiener Linien durch "Österreich" macht Wien zur internationalen Lachnummer

Wien – "Ein bisserl einen an der Waffel habt ihr schon", meinte Dan Desmet. Der 22-jährige Landvermesser aus Gent ist derzeit auf Wien-Urlaub – und staunte nicht schlecht, als er per Mail von Freunden daheim davor gewarnt wurde, seine Freundin Manon in Wien zu küssen. In Wiens öffentlichen Verkehrsmitteln sei das verboten – und koste echtes Geld: 50 Euro. Zum Beweis schickten Desmets Freunde einen Link. Der flämische "Standaard" berichtete über das Wiener Kussverbot.

foto: screenshot

"De Standaard", erklärte der Belgier, gelte in seiner Heimat als Qualitätsblatt. Darum führe das Blatt Quellen an: "Daily Mail" und "Vienna Times", stand über dem Online-Artikel. Der war fast 800-mal via Facebook geteilt worden.

Seitenhieb auf Klimt

Tatsächlich: Auf der Homepage der britischen "Daily Mail" fand sich die gleiche Geschichte. Mit Seitenhieben auf Gustavs Klimts "most famous painting" – und Verweisen auf einen Anstieg von Vorfällen, die dem Begriff "öffentliche Vekehrsmittel" in "jüngster Vergangenheit" eine recht eigene Note gäben. Fast tausend Leser hatten das "geshared".

Auch viennatimes.at titelte mit "Kussverbot". Neben anderen Verstößen werde das nun von eigens eingestellten Sittenwächtern überwacht. Zitiert wurde von beiden Medien ein Sprecher der Wiener Linien: "Unser Personal ist ausgebildet zu erkennen, was andere Fahrgäste stören könnte." Woher der "Daily Mail"-Journalist Stuart Woledge und der nicht genannte Autor der in Kent ansässigen, im Impressum aber eine Wiener Telefonnummer anführenden und in Österreich recht unbekannten viennatimes.at das gleichlautende Zitat und die Nachricht hatten, stand nirgendwo.

Keine Rede von 50-Euro-Strafe

Ein Anruf bei den Wiener Linien brachte Licht ins Dunkel: Die Tageszeitung "Österreich" hatte aus der Wiener-Linien-Kampagne zu mehr Rücksicht in den Öffis eine "aufgespicete" Story gemacht. Und so wurde aus der Kampagnen-Bitte, auf lautes Telefonieren und Musikhören ebenso zu verzichten wie auf deftig riechende Speisen und Aktivitäten, die Mitreisende vor den Kopf stoßen könnten, ein schmissiges Stück Boulevardschreibe: In der Kampagne selbst ist nicht bloß kein Wort von 50-Euro-Strafen fürs Küssen zu finden – die Wiener Linien behaupten nicht einmal, dass Knutschen unerwünscht sei, was wiederum auch die Austria Presse Agentur berichtet hatte.

Auch der in internationalen Medien zitierte "Anstieg" unerwünschter Zwischenmenschlichkeiten im öffentlichen Nahverkehr ist nicht belegt. Und mit "unlängst" recht frei umrissen: Das Youtube-Video-"Dokument", auf das da wohl angespielt wird, stammt aus dem Jahr 2010. Bilder eines zweiten "Vorfalls", bei dem ein Pärchen in einer Station fotografiert wurde, stammen vom August 2012. Mehr "Beweise" hat nicht einmal "Österreich".

Fremdsprachentag

Doch während Österreich weiß, was es an "Österreich" hat, ist das jenseits der Grenzen nicht so: Die Meldung zog Kreise. In der Pressestelle der Wiener Linien war am Donnerstag deshalb Fremdsprachentag: Zeitungen, Radiosender und Online-Nachrichtenportale in ganz Europa hatten ausführlich über die von den Taliban abgeschaute Sinnenfeindlichkeit berichtet. Und kein einziger Journalist kam auf die Idee, das erste Gebot des Berufsstandes zu befolgen – und gegenzuchecken.

Dementi via Social Media

Und sei es bloß per Google: Unmittelbar nach der Veröffentlichung der Ente hatten die Wiener Linien nämlich auf ihren Social-Media-Kanälen klargestellt, dass Küssen nicht verboten ist. "Mit einer Ausnahme haben alle die Ente einfach übernommen. Nur die BBC hat angerufen", seufzte Wiener-Linien-Sprecherin Anna Reich Donnerstagnachmittag, "und wir können jetzt durch die ganze Welt telefonieren. Wir können das ja nicht so stehen lassen."

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Freilich: Das Eingeständnis, "Copy-Paste"-Journalismus zu betreiben, wird sich kaum wo finden: Viennatimes.at etwa berichtet weiterhin von "neuen Strafen" – das Kussverbot kommt nun aber am Ende der Story nur noch als "Behauptung österreichischer Medien" vor. Die von den Wiener Linien für "Blödsinn" erklärt werde.

Und "Österreich"? Es ist, liest man zwischen den Zeilen der Folgestory auf oe24.at, einzig dem Fellner-Blatt zu verdanken, dass Wien vor der Lustfeindlichkeit der Verkehrsbetriebe gerettet wurde: "Wiener Linien reagieren auf 'Kussverbot' – Küssen in den Öffis wird nun doch nicht mit einer Geldstrafe geahndet: Nach einem Bericht in 'Österreich' stellen die Wiener Linien nun klar, dass es für Zärtlichkeiten in den Öffis keine Strafen geben wird." (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 20.9.2013)

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