Vom Wiener, der wos ka Bier net mog

17. September 2013, 19:08
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Dialektologen analysieren die Grammatik der Mundart und ihre Einflüsse

Wann sagen Wiener "der Mann, der wos da geht", benutzen also den doppelten Relativsatzanschluss? In welchen Situationen braucht jemand "ein Geld", oder hat "einen Hunger", verwendet also einen unbestimmten Artikel vor Massenbegriffen? Wie kann man eine doppelte Verneinung deuten, so wie in "i mog ka Bier net"? Wie die sogenannte tun-Periphrase - wie in "i tu jetzt kochen" oder gar "i tarat jetzt kochen"?

Diese und ähnliche Fragen will Ludwig Maximilian Breuer beantworten. Der geborene Münchner erforscht derzeit in seiner Dissertation am Institut für Germanistik der Uni Wien, was es mit der Satzstellung im Wienerischen auf sich hat. "Ich analysiere anhand syntaktischer Variablen, in welcher Situation welche der verschiedenen Formen zwischen Dialekt und Hochsprache eingesetzt wird", sagt Breuer. Fest steht: Dialekt dient oft dazu, Emotionalität und Nähe auszudrücken, einen gewissen Unterton zu transportieren - das gilt für Jugendliche wie für Politiker.

Breuer - der Wiener zum Mitmachen bei seinem Projekt einlädt - ist einer der zahlreichen Vortragenden, die noch bis Samstag ihre Forschungsarbeiten bei der Bayerisch-Österreichischen Dialektologentagung an der Uni Wien vorstellen. Während sich die Dialektforschung lange auf Laute und Wortschatz konzentrierte, rückt nun die Grammatik in den Vordergrund, bestätigt auch der Sprachwissenschafter Manfred Glauninger, einer der Organisatoren der Tagung. Anstatt vom Dialektsterben zu sprechen, interessieren sich Dialektologen heute für die Einstellungen der Sprecher und erforschen die kontinuierlichen Veränderungen von Sprache auf regionaler Ebene, sagt Glauninger - er betrachtet das Wienerische als eine von mehreren kommunikativen Ressourcen.

Mit der Interaktion zwischen Dialekt und Hochsprache beschäftigt sich Sylvia Moosmüller. "Den Einfluss des Kontakts mit deutschen Einwanderern auf den Wiener Dialekt darf man nicht unterschätzen", gibt sie ein Beispiel. Am ÖAW-Institut für Schallforschung geht sie der Sprache buchstäblich auf den Grund: Sie erfasst die Artikulation von Vokalen mit Sensoren auf der Zunge. (kri, DER STANDARD, 18.9.2013)

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