Neue Polizeigewalt: Türkei kommt nicht zur Ruhe

11. September 2013, 18:46
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Landesweite Proteste nach Tod eines Demonstranten

Er ist vom Dach gefallen, sagt die Polizei. Er hat eine tödliche Einschusswunde am Kopf, sechs mal fünf Zentimeter weit, mutmaßlich von einer Gaskartusche, stellte der Gerichtsmediziner laut Angaben türkischer Medien fest. Ahmet Atakan, ein 22-jähriger Mann, war am Montag in Antakya bei Protesten gegen die Regierung ums Leben gekommen. Die Erklärungen von Polizei und Gouverneur in der südosttürkischen Großstadt - dem historischen Antiochia - lösten am Dienstagabend landesweit die größten Proteste seit der Besetzung des Gezi-Parks in Istanbul im vergangenen Juni aus.

Auf dem Taksim-Platz und der Istiklal-Straße in Istanbul setzte die Polizei so viel Tränengas gegen einige Tausend Demonstranten ein, dass ein UEFA-Qualifikationsspiel zwischen der Türkei und Schweden in einem Fußballstadion unterhalb der Einkaufsmeile vorübergehend abgebrochen werden musste. Das Stadion ist nach Regierungschef Tayyip Erdogan benannt, der in dem Stadtteil Kasimpasa aufwuchs.

Uni mit Schnellstraße

Tränengas feuerte die Polizei auch auf Demonstranten in Kadiköy auf der asiatischen Seite Istanbuls. Straßenproteste gegen die Gewalt der Polizei gab es zudem in Izmir, Eskisehir und Ankara. Dort kommt es auf dem Gelände der Technischen Universität für den Mittleren Osten (ODTÜ) schon seit Wochen zu Zusammenstößen zwischen Studenten und Polizei. Anlass sind Pläne der Stadt, eine Schnellstraße durch den Campus zu legen.

Atakan ist das sechste Todesopfer seit Beginn der Proteste gegen den autoritären Stil von Premier Erdogan. Der junge Mann soll von einem Hausdach Steine auf Polizisten geschleudert haben, heißt es. Ein Video soll zeigen, wie er dabei vom Dach fällt. Die EU macht Verhandlungen über ein neues Beitrittskapitel vom Verhalten Ankaras gegenüber den Demonstranten abhängig. (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD, 12.9.2013)

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    In Antakya kam es zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten. (Bild vom Montag)

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