Die Lösung liegt bei den Muslimen selbst

Kommentar der anderen6. September 2013, 18:23
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Gewaltorgien, Unterdrückung und eine bequeme Opferrolle – solange sich die islamischen Gesellschaften daraus nicht befreien wollen, können ihnen auch keine internationalen Institutionen dabei helfen

Seien es Syrien oder Ägypten – die internationale Gemeinschaft scheint sich daran gewöhnt zu haben, dass Gewalt zum Alltag der muslimischen Länder gehört. Die Muslime selbst dagegen sind offenbar aus ihren inneren Verhältnissen heraus nicht in der Lage, die andauernde Gewalt zu beenden und ihren Ursachen auf den Grund zu gehen.

Stattdessen klammert man sich an die alte und bewährte Opferargumentation, derzufolge die Ur­sachen des Übels in der Einmischung des Westens oder des dämonisierten jüdischen Staates liegen: So, wie hinter dem Militärputsch in Ägypten der israelische Geheimdienst stecke, seien Mord und Totschlag in Afghanistan und die verheerende Lage im Irak Folge der eigennützigen amerikanischen Außenpolitik.

Es gibt unzählige Beispiele, die den Schluss nahelegen, dass solch naive Erklärungsangebote dazu angetan sind, sich der eigenen Verantwortung für die miserable Lage der muslimischen Welt zu entziehen. Seit dem Ende der Kolonialherrschaft wurde es in den islamischen Ländern verabsäumt, die Hintergründe der Krise selbstkritisch zu reflektieren – muslimische Intellektuelle, die meinten, dass die Krise auf die Ignoranz und Opferparanoia der Muslime zurückzuführen sei, wurden als Verräter denunziert und mundtot gemacht oder aus ihren Ländern vertrieben.

Den Muslimen im Westen ist es leider ebenso wenig gelungen, Kompetenzen zu entwickeln, die es ihnen gestatten würden, die Krise der islamischen Länder nüchtern und sachlich zu analysieren und vor allem den Ursachen der Gewalt auf den Grund zu gehen, die gleich nach dem Ableben des Propheten Mohammed ausbrach und die den in den islamischen Ländern vorherrschenden erstarrten und aggressiven Grundton bis zur Gegenwart prägt und weiter prägen wird.

"Verwestlichungstrauma"

Mehmet Ozan Aşık und Aykan Erdemir sind in einer im Jahr 2010 veröffentlichten Studie zum radikalen Diskurs in Ägypten dieser Frage nachgegangen und zu dem Ergebnis gelangt, dass die Mus­lime unter einem "Verwestlichungstrauma" leiden, das es ihnen verunmöglicht, sich mit ihrer Krise sachlich und frei von Polemik und Emotionen auseinanderzusetzen. Auf dieser Grundlage versucht der radikale Diskurs, den Einfluss der westlichen Zivilisation als Ursache der miserablen Lage und die westliche Moral als Gefahr für die Muslime darzustellen. Gleichzeitig, so Aşık und Erdemir, würden die Muslime an einer kulturellen Schizophrenie leiden – noch immer kämpften sie darum, zwischen einer immer stärker westlich orientierten Lebenswirklichkeit und ihren überidealisierten Vorstellungen einer islamischen Gesellschaft eine eigene Identität zu finden. An dieser Schizophrenie, die ein hohes destruktives Potenzial in sich trägt, würden die Muslime letztlich auch zerbrechen.

Diese Sachlage hindert die Muslime also, die Realität zu begreifen, geschweige denn adäquate Lösungen zu finden, die in absehbarer Zeit aus der
gesellschaftlichen Krise herausführen könnten.

Besonders deutlich zeigt sich diese Ratlosigkeit, das Unvermögen der muslimischen Welt, eine Orientierung zu finden – sei es in der Politik oder im gesellschaftlichen Leben –, am Beispiel Ägyptens. Eine tiefgreifende Spaltung der Gesellschaft verhindert den dringend notwendigen Dialog zwischen den Fraktionen, die dann am Tiefpunkt der Krise paradoxerweise wieder westliche Institutionen, in denen sie doch ständig eine Bedrohung des Islam sehen, um Hilfe anrufen.

Vor dem Hintergrund, dass infolge des von einem beträchtlichen Teil der islamischen Welt begrüßten Militärputschs tausende Menschen durch muslimische Soldaten und Polizisten – unterstützt von Saudi-Arabien und anderen islamischen Ländern – getötet werden, tritt der Ministerpräsident Ägyptens an, allem Augenschein zum Trotz, ohne die Milliardenhilfe der Golfstaaten für die Putschisten und die Legitimierung des Massakers durch den Großscheich von Al-Azhar, Ali Joumaa, auch nur zu erwähnen, wieder einmal Israel als Verursacher des Massakers zu verurteilen.

Ein Kolumnist eines türkischen Blattes mit ähnlich verzerrter Wahrnehmung schreibt: "Zwischen den Ereignissen in Ägypten und der Türkei herrscht ein enger Zusammenhang. Dieser Zusammenhang wird zentral von CIA und Mossad bzw. deren Marionetten gesteuert. Die, die schwachsinnige Menschen auf dem Tahrir-Platz für den Sturz Morsis missbraucht haben, werden das Gleiche mit den Menschen auf dem Taksim-Platz versuchen."

Nicht viel anders lauten Berichte zum Thema in arabischen, indischen oder pakistanischen Medien – in einer emotional extrem aufgeladenen Atmosphäre vertreten sie allesamt die Position, dass die Muslime Opfer internationaler Mächte seien, und streiten jegliche Eigenverantwortung für die aktuellen Entwicklungen in den islamischen Ländern ab.

Es wäre ungerecht, unerwähnt zu lassen, dass es trotz dieser schwierigen Lage seitens muslimischer Kreise sehr wohl Bemühungen um eine Lösung gibt.

Die jüngsten Vorschläge beruhen auf drei Hauptkonzepten. Das erste sieht den Ausweg aus der Krise in der Rückkehr zum Koran und zur Lebensweise des Propheten. Mohammed Morsi, der verhaftete Präsident Ägyptens, ist ein Vertreter dieser Position. In einer Rede, die derzeit als Manifest verbreitet wird, sagte er: "Der Koran ist unsere Verfassung, der Prophet Mohammed unser Führer, und der Jihad ist unser Lebensweg."

Mit diesem idealistischen Konzept versuchen die Muslime seit über 100 Jahren, eine Gesellschaft zu gestalten, und überall scheiterte dessen Verwirklichung an der Lebenswirklichkeit der Muslime – weil nämlich deren Führungspersonen den großen Anspruch erhoben, im Namen Gottes zu sprechen, und damit einen offenen und freien Diskurs bereits im Keim erstickten. Was sie betrieben, war Gewissensmanipulation, die Abtötung des freien Verstandes, um an seiner Stelle einen von Angst gespeisten Kadaver­gehorsam zugunsten ihres Machterhalts heranzuzüchten.

Gemäß der zweiten Vorstellung liegt die Rettung der Muslime in der Wiederherstellung des Kalifats als Hort des Widerstands gegen die westliche Übermacht. Eine dritte Lösung sahen Gruppen im bewaffneten Kampf gegen Diktaturen in den islamischen Ländern, die die Muslime verraten hätten. Keine dieser Positionen war imstande, eine nachhaltige Lösung herbeizuführen, sondern zog stets eine weitere Radikalisierung der muslimischen Gesellschaften nach sich.

Es ist Tatsache, dass auch der Westen in den Diktaturen der islamischen Länder einen Beitrag zur Demokratisierung leisten könnte. Die Maßnahmen zur Lösung der Miseren liegen aber in der Hand der Muslime selbst. Wenn sie weiter unfähig bleiben, sich diesen Herausforderungen zu stellen, um Gewalt und Unterdrückung in ihren eigenen Ländern zu beenden, dürfen sie von keiner internationalen Institution Hilfe erwarten.  (DER STANDARD, 7.9.2013)

 

Ednan Aslan (52), gebürtig aus Bayburt in der Türkei, ist Universitätsprofessor für islamische Religionspädagogik an der Universität Wien.

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