Kaufkraft türkischer Migranten verstärkt sich

4. September 2013, 18:19
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Österreicher mit türkischen Wurzeln verdienen deutlich weniger als der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung

Wien - Türkische Migranten in Österreich haben eine Kaufkraft von vier Milliarden Euro. Sie wächst, liegt aber im Schnitt immer noch deutlich unter jener der österreichischen Bevölkerung. Es sind vor allem Niedriglohnjobs, die das Budget der Migranten der ersten und zweiten Generation niedrig halten. Die hohen Wohnkosten im städtischen Bereich belasten.

Fast die Hälfte der 275.000 Menschen mit türkischen Wurzeln hat im Monat weniger als 1000 Euro zur Verfügung, erhob eine aktuelle Studie des Marktforschers GfK, der dazu 500 Migranten befragte. Bei den übrigen Österreichern muss nur ein Fünftel der Gesamtbevölkerung damit das Auslangen finden. Ihr Durchschnittseinkommen liegt bei 1480 Euro im Monat. Türkischstämmige Personen verdienen im Schnitt nur 1100 Euro.

Spürbarer Aufschwung

Die Kaufkraft sei niedriger, was aber auch daran liege, dass in vielen Familien Frauen nicht berufstätig seien, erzählt Hüseyin Ünal, der in Österreich mit seiner Familie 18 türkische Supermärkte betreibt und den Energydrink Wild Dragon vermarktet. Entscheidend für die Wirtschaftskraft der Migranten sei aufgrund der oft starken Bindung in ihre frühere Heimat weniger die Entwicklung in Österreich selbst als jene in der Türkei.

In den vergangenen zehn Jahren habe das Land einen starken Aufschwung erlebt, was sich auch auf die Auswanderer hier auswirke. Bis sie die Kaufkraft der Österreicher erreichten, dauere es noch - ihr Image in Österreich aber erlebe einen spürbar positiven Wandel.

Auch wenn die finanzielle Lage vielfach angespannt ist, lege man großen Wert auf Qualität: Für gut zwei Drittel türkischer Migranten zählt sie mehr als der reine Preis, bestätigt die Studie. Diese sind im Schnitt jünger als Österreichs Gesamtbevölkerung, offen für Neues und haben Freude am Einkaufen. Markenprodukte sind begehrt. 70 Prozent besitzen Smartphones.

Pragmatisch werde beim Autokauf vorgegangen. Es diene vor allem dem Transport der verhältnismäßig großen Familie, sei für Einwanderer der zweiten Generation weniger ein Statussymbol, meint GfK-Chef Rudolf Bretschneider.

Lieber Deutsch statt Türkisch

Beim Lebensmittelkauf bleiben türkische Migranten oft Händlern wie Etsan, Aycan oder Nakwon treu. Fleisch, Wurst, Käse werde hier gekauft, sagt Ünal, der mit seinen Filialen in den vergangenen Jahren weit über Wien hinaus expandierte. Für Obst und Gemüse wählten viele Diskonter, für Konsumgüter wie Waschmittel traditionelle Lebensmittelketten.

Über Produkte und Dienstleistungen informieren sich türkische Migranten lieber auf Deutsch, geht aus der Umfrage hervor - was für Ünal schlüssig ist. Schließlich sei für die zweite Generation Alltagstürkisch kein Problem, bei Fachbegriffen aber fehle ihr mitunter das Vokabular. Im Übrigen werde keiner gern auf die Herkunft reduziert, resümiert Bretschneider.

Hohen Nachholbedarf orten die Marktforscher bei Finanzprodukten für Einwanderer, da diese ihr Geld derzeit zumeist nur kurzfristig anlegen. Was oft freilich religiöse Gründe hat, erläutert Ünal. Denn der Islam verbietet Zinsen.

Viel Bewegung gibt es jedenfalls auf dem Immobilienmarkt. Aktuell besitzen laut Statistik Austria nur 15 Prozent aller türkischen Migranten eine Wohnung oder ein Haus. Unter Österreichern ohne Migrationshintergrund nennen 55 Prozent ein Heim ihr Eigen. Doch entsprechende Investitionen tätigen gemäß der Umfrage nun ebenso Familien mit türkischen Wurzeln. Auch Ünal beobachtet unter seinen Landsleuten den Trend zur Immobilie: Viele wüssten mittlerweile, dass sie in Österreich bleiben werden. Und in diesem Sinne werde in Eigentum investiert. (Carolina Altenburger Verena Kainrath, DER STANDARD, 5.9.2013)

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    Bundespräsident Heinz Fischer beim Einkauf am Wiener Brunnenmarkt.

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