TV-Duell: "Hätte, hätte, Deutschlandkette"

Blog2. September 2013, 13:49
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Die meisten Kommentatoren sind sich einig: Das Duell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück endete mit keinem klaren Sieg. Der "Star" des Abends war ohnehin die Halskette der Kanzlerin

Was für eine Überraschung! CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe, treuer Diener von Angela Merkel im Konrad-Adenauer-Haus, ist der Meinung: "Angela Merkel hat das Duell klar für sich entschieden." Und jetzt - noch viel größere Überraschung - der Tenor aus der SPD: "Peer Steinbrück hat das TV-Duell gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel am Sonntag klar für sich entschieden."

Die meisten Medien sahen es etwas differenzierter:

"Das war 0:0" (spiegel.de).

"Merkel punktet als Mutti, doch Steinbrück ist der Sieger" (focus.de).

"Keiner von beiden hat sich blamiert, keiner hat dem anderen einen unvergesslichen Schlag zugefügt" (sueddeutsche.de).

"Unentschieden" (Der Tagesspiegel/Berlin).

"Der Herausforderer war stärker als von vielen vorhergesagt, die Regierungschefin so souverän wie erwartet" (Stuttgarter Zeitung).

Verwurstungs-Maschinerie angeworfen

Jedenfalls ist das einzige TV-Duell dieses Wahlkampfs jetzt vorbei, aber lange noch nicht abgeschlossen. Im Studio Berlin-Adlershof waren die Lichter noch nicht verloschen, da war die große Verwurstungs-Maschinerie schon im Gange. In den kommenden Tagen werden sowohl CDU als auch SPD genau auswerten, welche Aussage bei welchen Zusehern (den Jüngeren, den Unentschlossenen ...) gut ankam, welche nicht.

Und jede Seite wird natürlich versuchen, Fehler des anderen auszuschlachten und die Stärken des eigenen Kandidaten, der eigenen Kandidatin herauszustreichen.

Steinbrück hätte sich ja gerne ein zweites Mal duelliert, es ist für ihn schließlich die einzige Gelegenheit, Merkel im Wahlkampf auf Augenhöhe zu begegnen.

Zum letzten Mal waren sie vor Monaten im Bundestag aufeinandergetroffen, aber damals sprach Merkel vom Rednerpult, danach Steinbrück - so richtig konnte man das nicht als Duell bezeichnen.

Doch Merkel lehnte, wie schon 2005, ein zweites Duell ab. Ihr Herausforderer war zu diesem Zeitpunkt nach vier Jahren Großer Koalition SPD-Vizekanzler und Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Gerhard Schröder (SPD) war hingegen 2002 noch zweimal gegen seinen Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) in den Ring gestiegen.

Merkel war es auch, die darauf gedrängt hatte, das TV-Duell nicht zu knapp vor der Bundestagswahl am 22. September stattfinden zu lassen. Nun kann sie sagen: Bis zur Wahl wird noch viel Wasser die Spree hinunterrinnen.

"King of Kotelett"

Doch weil es ein "Duell" war und dieses dann doch irgendwie einen Sieger braucht, haben einige Medien einen ganz anderen zu diesem erkoren: den Moderator Stefan Raab, der von ProSieben ins Rennen geschickt wurde.

Hartgesottene Raab-Fans mussten zwar zweifelsohne enttäuscht sein. Weder betrat er das Studio im Glitzerkostüm, noch brachte er einen Wok mit. Gegenüber den etablierten Moderatoren Anne Will, Maybrit Illner und Peter Kloeppel war Raab aber gelegentlich - die einen sagen erfrischend, die anderen peinlich um Originalität bemüht.

Zum Sager des Abends mutierte zweifelsohne "King of Kotelett". Als Steinbrück erklärte, er wolle nur Kanzler werden, aber niemals mehr Minister einer Großen Koalition (da war er ja 2005 bis 2009 Finanzminister), fuhr Raab so dazwischen: "Das ist doch keine Haltung, zu sagen: Ich will nur gestalten, wenn ich King of Kotelett bin." Raab ist übrigens gelernter Fleischhauer.

Merkel musste sich von Raab fragen lassen, ob der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer mit seiner Idee einer Pkw-Maut für Ausländer wegen der offensichtlichen Unvereinbarkeit mit EU-Recht nur "rumspinnt". Das entlockte Merkel immerhin eine klare Aussage: "Mit mir wird es keine Pkw-Maut geben."

Das wiederum nahm die SPD Bayern tags darauf zum Anlass für eine spöttische Aussendung mit dem Titel "Merkel kastriert Seehofer".

Und dann gab es noch einen wirklichen Star des Abends: die Halskette der Kanzlerin. Schwarz-Rot-Gold meinte man beim schnellen Hinschauen zu erkennen, die Farben der Deutschlandfahne in korrekter Reihenfolge also. Bei näherer Betrachtung allerdings sah man Rot-Gold-Schwarz, eine "falschrum Belgien-Kette", wie jemand twitterte.

"Hätte, hätte, Deutschlandkette"

Denn es dauerte nicht lange, bis die Kette den Account @schlandkette hatte, bis Montagmittag gab es 6.500 Follower. "Hätte, hätte, Deutschlandkette", hieß es da mehrmals, eine Anspielung auf eine legendäre Aussage von Peer Steinbrück. Der wurde vor einiger Zeit im ARD-"Morgenmagazin" auf eine Wahlkampfpanne der der SPD angesprochen - warum die SPD den gleichen Slogan wie eine Zeitarbeitsfirma habe. Gefragt, ob man das nicht besser machen hätte können, grantelte er zurück: "Hätte, hätte, Fahrradkette." Schwupps, schon wurde ein Song draus, der sich in Deutschland großer Beliebtheit erfreut:

Die Kette der Kanzlerin jedenfalls stammt von den Schmuckdesignern Ulrike und Hans-Peter Weyrich aus Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz). Merkel trug sie beim Duell nicht zum ersten Mal. Schon bei ihrer Vereidigung 2009 hatte sie das gute Stück um den Hals. Vielleicht hat sie damals auch gedacht, was jemand auf Twitter während des Duells in Anspielung auf die berühmte Ruck-Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog so beschrieb: "Es muss ein Schmuck durch Deutschland gehen." (Birgit Baumann, derStandard.at, 2.9.2013)

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    Der heimliche Star des Abends: Die Kette der Kanzlerin Angela Merkel.

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