Rundschau: Queer SF mit Quoten-Heteros

    Ansichtssache21. September 2013, 15:55
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    Eine großartige Comic-Saga und Romane von Paolo Bacigalupi, Joe Haldeman, Wolfgang Jeschke, Sean Eads und Terry Pratchett

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    coverfoto: heyne

    Paolo Bacigalupi: "Versunkene Städte"

    Broschiert, 476 Seiten, € 9,30, Heyne 2013 (Original: "The Drowned Cities", 2012)

    Mit "Versunkene Städte" enthüllt uns Shooting-Star Paolo Bacigalupi eine weitere Facette seiner Zukunftswelt nach dem Ende des Erdöl-Zeitalters, wie er sie in "Biokrieg" ("The Windup Girl") und "Schiffsdiebe" ("Ship Breaker") beschrieben hatte. Diesmal geht es in den verelendeten Südosten der USA, dessen Städte teils im Meer, teils im Dschungel einer klimagewandelten Welt versunken sind: Alte Autobahnbrücken aus Beton erhoben sich über dem Dschungel wie die Rücken gewaltiger Seeschlangen. Sie waren mit Unkraut überwuchert, und lange Kudzuranken hingen von ihnen herab. [...] In regelmäßigen Abständen sah man rechteckige grüne Teiche - die Keller ehemaliger Häuser, die mit Regenwasser vollgelaufen waren und heute zur Fischzucht dienten. Sie glitzerten wie Spiegel in der heißen Sonne - die mit Seerosen bedeckten offenen Gräber der Vorstadt.

    Die neue Dritte Welt

    Weiter nördlich, wo Konzerne das Sagen haben, hat man sich mit einer streng bewachten Grenze gegen das Elend des Südens abgeschottet. Diesseits der Grenze leben die Menschen wie ein Haufen Krabben in einem Topf, die sich alle gegenseitig umbrachten, wie es an einer Stelle heißt. Warlords und religiös/ideologisch geprägte Guerillas haben die Region in einen nicht enden wollenden Kreislauf der Gewalt gerissen. Bacigalupi tut also nichts anderes, als die tägliche Nachrichtenlage von heute auf eine Region zu übertragen, die in unserem Zeitalter das Elend höchstens bequem vor dem Bildschirm sitzend mitverfolgt. Wenn überhaupt.

    Das Bild wird dadurch vervollständigt, dass die internationale Staatengemeinschaft versucht hat, die Region der Versunkenen Städte neuaufzubauen, mit ihrem State-Building aber auf ganzer Linie gescheitert ist. Zu groß war der Hass zwischen den verschiedenen amerikanischen Splittergruppen, als dass sie auf die "Auge um Auge - und die ganze Welt wird blind sein"-Parolen der Friedenswächter  gehört hätten. Welche natürlich ganz dem aktuellen SF-Trend entsprechend aus dem reichen China stammten. Als die Chinesen ein paar Jahre vor Einsetzen der Romanhandlung schließlich vor der lokalen Gewalt kapitulierten und abzogen, blieb die libanonisierte Region endgültig sich selbst überlassen. Am deprimierendsten lesen sich die Passagen, in denen Bacigalupi erwähnt, wie die von den Friedenswächtern aufgebaute Infrastruktur wieder zerstört wurde, weil das Gegeneinander längst jede Vernunft überwog.

    Kurzer Einschub noch: Cover und Klappentext (nicht nur der deutschen, sondern auch der Originalausgabe) machen vorab klar, dass wir uns im Raum Washington befinden. Fraglich, ob der Autor das so beabsichtigt hatte, denn im Roman fällt dieser Name erst spät. Vielleicht hatte Bacigalupi ursprünglich ja an einen Schockeffekt à la "Planet der Affen" oder "Logan's Run" gedacht. Der ist so natürlich dahin - das Bild vom Kapitol, das nun als Steinbruch verwendet wird, wirkt dennoch nach.

    Die ProtagonistInnen

    Mahlia und Mouse sind zwei Kinder, wie sie diese Region zu tausenden hervorgebracht hat. Beide sind elternlose Kriegsmaden: Der jüngere Mouse eine Vollwaise, nachdem sein Dorf einem Massaker zum Opfer fiel, und Mahlia zu allem Überfluss auch noch eine Verstoßene. Soll heißen die zurückgelassene Tochter eines chinesischen Friedenswächters, der dieselbe Verachtung entgegenschlägt, wie sie Besatzungskinder im Verlauf der menschlichen Geschichte immer erleiden mussten. Mahlia hat man "zur Strafe" sogar die Hand abgehackt - sie muss ständig fürchten, dass man sie nur wegen ihrer Herkunft umbringt.

    Eines Tages treffen Mahlia und Mouse im Dschungel auf den Halbmenschen Tool, den wir bereits aus "Schiffsdiebe" kennen. Tool ist eine genetische Chimäre, ein Mensch mit DNA-Anteilen verschiedener Raubtiere und somit eine Art von Soldat, die zur Romanzeit in bewaffneten Konflikten gerne als körperlich überlegene Tötungsmaschine eingesetzt wird. Tool hat schon auf allen Kontinenten gedient, aber irgendwann hat es ihm gereicht. Die genetisch aufoktroyierte Loyalität gegenüber seinem Kriegsherrn funktioniert bei Tool nicht - und jetzt befindet er sich auf der Flucht. Schwer verletzt, nimmt er Mouse als Geisel und zwingt Mahlia, die als Arzthelferin arbeitet, ihm Medikamente zu beschaffen. Von nun an sind die Schicksale der drei fest miteinander verschweißt.

    Moralische Dilemmata

    Loyalität ist einer der Kernbegriffe des Romans, nicht nur was Tool anbelangt. Mahlia fühlt sich gegenüber Mouse verpflichtet, weil er ihr einst das Leben gerettet hat. Als er in Gefahr gerät, begibt sie sich daher auf eine lebensbedrohliche Mission - und versteht es, andere von ihrer Sache zu überzeugen. Es sind die äußeren Zeichen eines Wandels, den die Teenagerin durchmacht. Ihr Vater hatte sie einst auch deshalb zurückgelassen, weil zuviel ihrer unzivilisierten Heimat in ihr stecke. Doch bleibt die Frage offen, ob Mahlias Überlebensinstinkte nicht einfach nur den neuen Lebensumständen angemessen sind. Mehr jedenfalls als das aus einem anderen Zeitalter stammende Gerede von Pazifismus und Zivilisation, dem die Friedenswächter oder auch der alte Arzt, für den Mahlia arbeitet, anhängen.

    Ein Dialog zwischen Tool und Mahlia beschreibt ihren Charakter treffend: "Der Arzt wollte euch nicht begleiten?", fragte Tool. Mahlia schüttelte den Kopf. "Er ist ein Trottel." "Der lebt für seine Ideale", sagte der Halbmensch. "Das macht ihn gefährlich." "Ich lebe auch für ein Ideal", sagte Mahlia. "Nämlich zu überleben." "Sicher ein ehrenwertes Ziel". Kein Platz für Idealismus also in dieser scheußlichen neuen Welt - oder etwa doch?

    YA für Fortgeschrittene

    Auch "Versunkene Städte" läuft wie sein Vorgänger "Schiffsdiebe"  - und anders als "Biokrieg" - unter Young Adult. Dass der Fokus der Erzählung auf moralischen Entscheidungen liegt, gehört da ebenso dazu wie eine lineare Erzählweise und ein zentriertes Geschehen um einige wenige Hauptpersonen, die sich auch als Identifikationsfiguren eignen. Selbst wenn sie wie hier gebrochen oder zumindest angeknackst sind. Und auch das Alter der Hauptpersonen spielt natürlich eine Rolle. Dass wir es in "Versunkene Städte" hauptsächlich mit Teenagern - inklusive Kindersoldaten - zu tun haben, wirkt aber nicht aufgesetzt, sondern hat einen ebenso plausiblen wie grausamen Grund: Die Lebenserwartung in dieser Region ist einfach erschütternd niedrig.

    Vor der Lektüre des Romans hatte ich schon einen Schlusssatz à la "Sehr schön, trotzdem sehe ich einem neuen Bacigalupi-Roman für Erwachsene auf dem Komplexitätslevel von 'Biokrieg' mit Freude entgegen". Das war aber, bevor ich "Versunkene Städte" gelesen habe, das deutlich grimmiger als "Schiffsdiebe" ausgefallen ist. Bacigalupi erspart seinen LeserInnen hier nichts, was es an Gewalt und Hoffnungslosigkeit geben kann. Und nicht jede der drei Hauptfiguren wird am Ende die bei YA obligatorische Belohnung bekommen, die uns wieder Zuversicht für unseren Weg durchs Leben einimpft. YA ja - aber von der Sorte, die auch Erwachsene berührt.

    ... und es war, bevor ich gelesen habe, was Bacigalupis nächstes Romanprojekt wirklich geworden ist. Eine Zombie-Komödie für Kinder. Ähm. Juhu.

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