Die Liebe zur Weiterentwicklung zu Zeiten des Zwölf-Stunden-Tages

Kolumne23. August 2013, 17:54
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Von Julya Rabinowich

"Gute Manieren: Grenzmarker des Gebietes zwischen dem ich und dem du. Sicherungen am Steigseil internationaler Verständigung", notierte ich bei der Anreise für die Diskussionsrunde im Alpbacher Forum und rülpste. Die Befürchtung, nur als abschreckendes Beispiel zum Thema "Respekt und gute Manieren" geladen worden zu sein, bestärkte sich. Das halbbesetzte Abteil wurde mit zarten Leberkäsenoten bereichert, obwohl ich Eiauf-strichbrötchen gegessen hatte.

Das Fleischliche siegt immer über das Fleischlose, ob es nun willig sei oder nicht. Inspiriert vom Olfaktorischen bestellte ich Landjägerwürstchen und rülpste so, dass es nach Eiaufstrich roch. Dann stieg ich aus, bevor sich der Circulus vitiosus weiterdrehen konnte. Das Dorfbild mit seinen schrägen Straßen, über die Jung und Alt keuchte, wurde von der eigenwilligen und internationalen Dreifaltigkeit von Studenten, Anzugs- und Leistungsträgern sowie bestockten Wanderern geprägt. Im Kongresszentrum: Großstadtflair mit dem Duft der großen weiten Welt. Draußen: malerische Alpinlandschaft samt Kuhstallnote.

Der Protestveranstaltung der IG Wien, welche die niedrigen Frauenquoten bedauerte, ging der Zusammenbruch einer der wenigen Rednerinnen voran, der die Quote weiter senkte. Der BMW-Stand größer und besser gerüstet als die Registratur, die vorab auf einem an der Wand aufgeklebten Papier verkündete: Es gibt hier keine Schirme. Stattdessen gab es trotz der Sprachenvielfalt und des gewünschten Austausches eine spürbare Grenze zwischen Jung und Alt, arriviert und Generation Praktikum, ein Gesellschaftsriss, der nicht unterschätzt werden darf.

Schön, dass es Stipendien gibt, die das Teilhaben jener Jungen, die in unpassenden Monetärhintergrund hineingeboren worden waren, dennoch ermöglichen. Die Vorstellung, ein nicht unwichtiger Teil der Gesellschaft würde sich vom Rest zurückziehen, wäre in der Tat beunruhigend. Was wir derzeit erleben, scheint aber eine zweite Welle der Industrialisierung zu sein: Die Entfremdung von der eigenen Tätigkeit, der Wurzel- und Identitätsverlust trifft diesmal nicht die Handwerker, sondern die Geistesarbeiter, die die Verbindung zu ihrer Tätigkeit zwischen Zeitdruck und Flexibilitätsanspruch mehr und mehr verlieren.

Wir drohen flächendeckend zu einer Gesellschaft der beschränkten Wurzeln zu werden. Wo die Rentabilität und Zeiteinsparung oberste Maxime werden, versiegt die geistige Entwicklung, die Spielräume benötigt. Dann sind Auszubildende bloß zu formendes Arbeitsmaterial, keine kritischen Denker, die die Gesellschaft reformieren könnten. Eine Elite aber, die sich selbst das Haxerl stellt, stellt sich nicht besonders überzeugend an.    (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 24./25.8.2013)

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