Sturm im Wasserglas

    Kommentar20. August 2013, 18:52
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    In der Debatte um die Weitergabe von Patientendaten werden Argumente vermischt

    Während Österreichs Gesundheitspolitiker in Alpbach über die Missstände diskutieren, bricht aus Deutschland die Debatte zu Patientendaten herein. Ein US-Unternehmen, das für die Pharmaindustrie Daten sammelt: Das klingt in der aktuellen Debatte rund um grassierende Bespitzelungsskandale wirklich böse. Nicht nur die CIA schnüffelt, auch die Industrie steckt ihre Nase in Dinge des täglichen Lebens. Das ist eigentlich fast noch schlimmer, weil die Daten zu Leib und Leben ja besonders schützenswert sind. Privatheit in Fragen der persönlichen Gesundheit ist zu Recht ein wertvolles Gut, weil Missbrauch persönliche Nachteile (beim Arbeitgeber zum Beispiel) nach sich ziehen könnte.

    Im Grunde genommen werden hier aber zwei unterschiedliche Debatten vermischt. Die Datensammler aus den USA wollen herausfinden, welche Medikamente in Europa verschrieben werden. Im Land der Optimierungsstrategien geht es darum, sich Klarheit am Markt zu verschaffen. Die Ergebnisse solcher Untersuchungen könnten Patienten sogar zugutekommen. Wenn Arzneimittel verschrieben und nicht eingenommen werden, muss es Gründe dafür geben - die Nebenwirkungsprofile von Medikamenten könnten auf diese Weise für Produzenten ersichtlich werden. Im besten Fall verbessern sie Wirkstoffe und nehmen solche, die nicht eingenommen werden, vom Markt. Dass US-Arzneimittelfirmen über den Gesundheitszustand eines Max Müller informiert sein wollen und dessen Arbeitnehmer über eine Depression Auskunft geben wollen, ist nicht wahrscheinlich.

    Wesentlich mehr fürchten könnten sich die Ärzte, deren Verschreibungspraxis über diese Art der Datenerhebung transparent würde. Die volle Kontrolle in eigenen Belangen ist der Ärztekammer extrem wichtig, dafür geht sie normalerweise auf die Barrikaden. In diesem Fall ist es schwierig, denn die vom Datenskandal betroffenen Ärzte haben ja selbst dem Procedere zugestimmt und kassieren ein Honorar dafür. Reich werden sie mit den 400 Euro jährlich nicht, insofern löst sich auch der potenzielle Vorwurf, dass es sich um skrupellose Geschäftemacherei handeln könnte, in Luft auf.

    Die Ärzteschaft, die sich in den vergangenen Jahren immer mehr als Anwalt ihrer Patienten aufspielt, hat ihre Aufklärungspflicht verletzt. Sie hätte ihre Patienten über ihr Tun im Vorfeld informieren sollen. Damit hätte sie den jetzt kursierenden Verschwörungstheorien von vornherein allen Wind aus den Segeln genommen. Vielleicht - und das ist wahrscheinlicher - waren sich die Ärzte der potenziellen Gefahr von Missbrauch nicht bewusst.

    Wirklich gefährlich wäre, wenn durch diese Affären die elektronische Krankenakte infrage gestellt würde. Nach dem Motto: "Wir Ärzte haben euch Menschen gewarnt, dass so die Tür zum gläsernen Patienten sperrangelweit offen steht." In einer vernetzten Welt ist die medizinische Datensammlung und -abrufbarkeit wichtig. Um mögliche Wechselwirkungen verschiedener Medikamente zu vermeiden, die Leben kosten könnten, und um Doppelt- und Dreifachuntersuchungen zu verhindern, denn sie belasten das finanziell geforderte Gesundheitssystem. Wo Daten gesammelt werden, muss auch ausgewertet werden dürfen. Dass dies nicht unbedingt zum Schaden, sondern zum Nutzen von Patienten passiert, diese Lehre könnte man aus diesem kleinen Skandal im Sommerloch ziehen. (Karin Pollack, DER STANDARD, 21.8.2013)

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