Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst

Kommentar der anderen15. August 2013, 17:47
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Wenn der Ultranationalismus die Religion entdeckt, erzeugt er Ungeheuer. Bei der FPÖ-Kampagne bleibt das Evangelium auf der Strecke

Sie ist für viele, die sie kennen und sie besuchen, eine Quelle des Optimismus: Alice Herz-Sommer, Pianistin und jahrzehntelang Klavierlehrerin aus Prag, die noch Franz Kafka kannte. Ihre jüdische Mutter wurde im Alter von 72 Jahren in ein KZ deportiert und ermordet. Sie selbst kam mit ihrem Sohn Raphael nach Theresienstadt. In seinen Erinnerungen berichtet dieser, wie seiner Mutter Alice das Wunder gelang, ihm inmitten der Hölle des KZ eine glückliche Kindheit zu schaffen.

Liest man die Geschichte dieser bewundernswerten Frau, dann ruft sie das elfte Gebot in Erinnerung, das Erich Fried formuliert hat: "Du sollst dich nicht gewöhnen." Du sollst dich nicht gewöhnen an die Ideologie des Ultranationalismus mit seiner Losung "Das eigene Land, die eigenen Leut' zuerst", an die Verachtung gegenüber den "Anderen",

Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten werden die alten Ressentiments gegen sie in Europa stärker. Man sollte nicht abstumpfen gegenüber dem Versuch, die nationalistische und fremdenfeindliche Ideologie und Praxis vom Christentum her zu rechtfertigen und damit die Religion für politische Zwecke zu missbrauchen. Führende Funktionäre der FPÖ verwenden immer wieder die Argumentationsfigur einer ethnozentrischen, nationalistischen Spiritualität: Das Evangelium fordere von uns Nächstenliebe, aber keine "Fernstenliebe". So beispielsweise formuliert von Andreas Mölzer, der SOS Mitmensch vorwirft, "... dass man sich in einer akademischen, esoterischen Fernstenliebe gefällt und auf die Eigenen möglichst scheißt" (MO, Dezember 2012).

Polemische Interpretation

Nun geht die FPÖ einen Schritt weiter und stellt den religiösen Begriff der Nächstenliebe und seine polemische nationalistische Interpretation ins Zentrum der Wahlkampfkampagne.

Von den christlichen Grundlagentexten her ist jedoch völlig klar, dass eine ethnozentrische, nationalistische Interpretation der Nächstenliebe eine universalistische Dimension ins Gegenteil verkehrt.

Das Lukasevangelium berichtet, dass ein jüdischer Gesetzeslehrer Jesus gerade danach gefragt habe: Wer ist mein Nächster? (Lk 10, 25-37) Jesus antwortet mit der Geschichte vom barmherzigen Samariter. Ein Mann wird überfallen und bleibt halb tot liegen. Ein Priester und ein Levit gehen an ihm vorbei, ohne ihm zu helfen. Erst ein Samariter - also der Angehörige einer Ethnie und Religion, die unter den Juden verachtet und verhasst war - fühlt Mitleid und versorgt ihn.

Die Pointe der Erzählung besteht darin, dass dem Verletzten nicht jemand aus der eigenen Ethnie zum Nächsten wird, sondern gerade der Feind, der Fremde. Mit dieser Ethik greift Jesus auf die Mitte der Thora zurück, auf den Schutz des Fremden: "Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen." (Leviticus 19,33f) Auch in der Rede über das Weltgericht bekräftigt Jesus: Das entscheidende Kriterium ist der Umgang mit dem Fremden. Das ewige Leben wird denen versprochen, die die Fremden beherbergt haben. Denn: "Was ihr einem dieser geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." (Matthäus 25, 40)

Es geht um den heißen Kern des Christentums, und deshalb werden Christen und Christinnen, werden Kirchenvertreter aufstehen und widersprechen - auch wenn ihnen dabei bewusst ist, dass sie damit in die Provokationsfalle der politischen Strategie der FPÖ laufen, die seit Jahren religiöse Begriffe und Symbole für ihre Politik instrumentalisiert.

Alice Herz-Sommer ist heute 110 Jahre alt und lebt in London. Immer noch spielt sie jeden Tag drei Stunden Klavier. Wenn die letzten Zeitzeugen nicht mehr leben, wird es darauf ankommen, das Gedächtnis des Holocaust wachzuhalten - die Erinnerung daran, in welche Hölle ein Denken und eine Sprache der Verachtung der "Anderen", der Ultranationalismus mit seinem gewalttätig behaupteten Vorrecht des "eigenen Volkes", des "eigenen Blutes" geführt haben. (Ernst Fuerlinger, DER STANDARD, 16.8.2013)

ERNST FUERLINGER (51)

ist katholischer Theologe und Religionswissenschafter und Leiter des Zentrums Religion und Globalisierung, Donau-Universität Krems.

 

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