Der milde Mourinho und das runde Paket

Porträt16. August 2013, 09:30
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José Mourinho landet wieder dort, wo er vor fast einem Jahrzehnt bereits einmal war - Um Anerkennung muss er nicht raufen

Als José Mourinho 2004 zum ersten Mal bei Chelsea anheuerte, war Arsène Wenger einer seiner liebsten Gegner am Platz und im Verbalduell. "Wenn dumme Menschen Erfolg haben, macht sie das manchmal noch dümmer", sagte der Franzose, damals wie heute Arsenal-Trainer. Oh snap! Mourinho wollte davor mit einem angeblichen 120-seitigen Dossier belegen, dass Wenger sich öffentlich zu viel mit Chelsea beschäftigte. Wenger - der gerade mit seinen "Invincibles" eine ungeschlagene Saison als Meister beendete - sei ein "Voyeur".

Diese und einige andere Scharmützel wirkten wie das aggressive Ringen eines Neulings um seinen Platz unter den Großen. Mourinho war noch nicht lange Cheftrainer. Nach Lehrjahren in den 1990ern unter Bobby Robson und Louis Van Gaal bei Sporting, FC Porto und FC Barcelona debütierte er mit einem Kurzauftritt bei Benfica erst 2000 als Dirigent an der Seitenlinie.

Das Engagement scheiterte. Mourinho übernahm nach einer Phase der Arbeitslosigkeit den Kleinklub União Leiria. "Geld war kein Ziel, sondern eine Konsequenz", schrieb sein Freund und Biograph Luís Lorenço. Und nach nicht einmal 20 Runden holte der kriselnde FC Porto Mourinho an Bord. Es folgten Wundertaten. Nicht nur, dass der Portugiese in seiner ersten vollen Saison mit Meistertitel, Cupsieg und UEFA-Pokal gleich das kleine Treble einfuhr, in der folgenden Spielzeit gewann er auch noch die Champions League.

Ein ganz Spezieller

Zur selben Zeit kaufte der russische Superreiche Roman Abramowitsch den FC Chelsea und Mourinho sollte seine Knete zu Trophäen formen. Bei seiner ersten Pressekonferenz an der Stamford Bridge sagte der damals 41-jährige Mourinho: "Nennen Sie mich bitte nicht arrogant, aber ich bin Champions-League-Sieger und denke, ich bin ein besonderer Trainer". Dem Statement des "Special One" mangelte es nicht an Selbstsicherheit und bei nachträglicher Betrachtung auch nicht an Wahrheit. Wo Mourinho hingeht, folgt der Erfolg. 20 Titel in 11 Saisonen stehen im Lebenslauf, darunter Meisterschaften und Pokalsiege in England, Italien, Spanien und Portugal sowie zwei CL-Titeln.

Auch Chelsea feierte unter ihm tatsächlich sofort den ersten Meistertitel nach 50 Jahren. Und dann noch einen. Und drei Cupsiege. Als Mourinho den Klub 2007 wegen Meinungsverschiedenheiten mit Abramowitsch verließ, hatte sein Team zuhause seit 65 Spielen nicht verloren. Rekord. Der 1963 in Setubal geborene Sohn eines Fußballtrainers hat bei den Fans der Blues nicht ganz überraschend einen dicken Stein im Brett.

Mäßigung? In Maßen.

"Ich komme zum ersten Mal zu einem Klub, bei dem ich schon geliebt werde", sagte Mourinho diesmal bei seiner Ankunft. Er will nun "The Happy One" sein, gibt den Mann, der seinen Platz gefunden hat. Man muss nicht übertreiben: Mit Alter und Erfolg kam beim nun 50-jährigen sicher nicht die komplette Abrüstung der Worte. Aber es gab doch eine Mäßigung im Ton. Die Rede vom "Milden Mourinho" kommt wieder auf. Die Medien sollten etwa keine Konflikte mit Wenger ("Ein netter Kerl") mehr erwarten, denn man habe sich in den letzten Jahren gegenseitig zu respektieren gelernt.

Keine Angst! Mourinhos Auftritte werden interessant bleiben, denn sie sind - wenn überhaupt - nur am Platz ein spontaner Ausdruck seiner Persönlichkeit. Das Spiel mit den Medien betrachtet der loyale, erfolgshungrige Familienmensch hingegen als kalkulierten Teil des Fußballspiels. Die Provokation des Gegners, Motivation der eigenen Mannschaft oder Ablenkung von Druck gehört zur Startaufstellung. "Mit den Emotionen zu spielen ist gut", sagte er einst. Fußballtrainer bräuchten nicht nur Taktik, sondern auch Leadership.

Wenn Mourinho die Standardsituationen eines Gegners fürchtet, platziert er vor dem Spiel eine Befürchtung über Schwalben oder eine Bevorteilung des Schiedsrichters in den Medien, damit auch alle ganz genau hinsehen. Diese "Mind Games" werden der Premier League also trotz der Pensionierung von Alex Ferguson nicht abhanden kommen. Mourinho ist ein guter Freund des "Sirs", wurde auch als dessen Nachfolger bei ManUnited gehandelt. Stattdessen kam die Reunion mit Chelsea.

Titel in falscher Reihenfolge

Der Klub feierte in seiner Abwesenheit große Erfolge. Erstmals gewannen die Blues die Champions League. Und die Europa League. Aber die Reihenfolge zeigt keinen Aufwärtstrend: Vom Champion Europas zum Cupsieger der Verlierer. In der englischen Meisterschaft hinkt man den Klubs aus Manchester deutlich hinterher.

Das ist auch Ausdruck einer Verjüngungskur, die 2011 mit Andre Villas-Boas gestartet werden sollte. Dessen Rezept haben die Blues aber voreilig versalzen. Dann stanzten sie mit Roberto di Matteo auch noch den Nachfolger. Ihn rette nicht einmal der CL-Titel. Und Rafa Benitez hatte als ehemaliger Liverpooler bei Chelsea-Fans ohnehin nie ein blaues Leiberl. Insgesamt verbrauchte Abramowitsch sieben Manager in den sechs Jahren zwischen der Ära Mourinho I und Mourinho II. Langsam gehen dem Klub die Alternativen aus.

Egalité

Mourinho entrümpelt oft bei seiner Ankunft den Kader um satte, selbstgefällige Fußballer. Er nimmt keine Rücksicht auf große Namen und Vergangenes. Nicht Einkaufspreis und Anspruchsdenken ergeben die Aufstellung, ja noch nicht einmal die Leistung allein. Jeder Spieler muss zudem in die strategisch und taktisch stets enorm ausgeklügelte Game Plans, ins Mannschaftsgefüge und ins Rotationsprinzip passen. Für Mourinho gilt: Das Team ist wichtiger als der einzelne Spieler.

Diese kompromisslose Gleichberechtigung riecht im mit Stars gespickten Spitzenfußball nach Ärger. Bei Real hat es am Ende von Mourinhos Amtszeit die Schlagzeilen bestimmt. Vielleicht blieb der ganz große Erfolg dort deshalb aus. Weil Mourinho Eitelkeiten beim Kern der Arbeit nicht duldet, wohingegen sie in Madrid (wo er der bestbezahlte Trainer der Welt war) tief im der Seele des Vereins eingraviert sind. Einen Iker Casillas setzt man doch nicht auf die Bank!

Sanfter Einstieg

Bei Chelsea hat der Manager bisher weder groß eingekauft (Andre Schürrle, Marco van Ginkel) noch viele Spieler (Yossi Benayoun, Florent Malouda) abgegeben. Grundsätzlich scheint ihm die Mannschaft zu passen. David Luiz will er etwa nicht zu Barcelona gehen lassen. Und acht Spieler waren schon bei Mourinhos Abgang im Verein (soviel zum Erfolg der vielen versuchten Umbrüche). Das Transferfenster ist natürlich noch nicht geschlossen. Wayne Rooney wäre ein möglicher Neuzugang. Vielleicht gefällt Mourinho auch nur, dass sein Interesse Unruhe beim Konkurrenten erzeugt.

Was im Falle der Ankunft des Engländers aus dem mittlerweile doch wieder als Spitzenstürmer erkennbaren Fernando Torres würde, bliebe auch abzuwarten. Der muss sich ohnehin schon mit Demba Ba und Romelu Lukaku um das Trikot des Neuners prügeln. Und Mourinho mag seine Kader übersichtlich.

Der studierte Sportwissenschaftler und halberfolgreiche Ex-Kicker lässt normalerweise ein 4-3-3 spielen. Seine Mannschaften treten dominant auf. Alle Spieler müssen pressen. Gerastet wird mit dem Ball in den eigenen Reihen, deshalb sucht man den Ballbesitz. Dass Mourinho bei aller offensiver Philosophie auch pragmatisch sein kann, weiß alle Welt spätestens seit dem Champions League-Rückspiel von Inter Mailand gegen Barcelona 2010. Ein genauerer Blick auf die "Clasicos" der vergangenen Jahre ist ein weiteres Zeugnis seiner Flexibilität.

Chelsea als Titelfavorit

Die Bedingungen für seinen Neubeginn sind diesmal anders als noch 2004. Mourinho ist mittlerweile unumstritten einer der größten seines Faches, kein lautstarker Neuling mehr. Und während Roman Abramowitsch damals als massiv investierender Klubeigentümer ein Pionier war (der sich aller Skepsis und Anfeindungen zum Trotz als nachhaltig arbeitender Investor erwies), haben heute mehrere Klubs das große Geld im Hintergrund - allen voran der wohl größte Titelkonkurrent Manchester City. Kaum hatte der Transfersommer begonnen, hatten die Citizens schon wieder über 100 Millionen Euro investiert. Selbst mit dem theoretischen Zukauf von Wayne Rooney würde Chelsea in solche Dimensionen nicht vorstoßen.

Die Chancen, dass seine Titelsammlung weiter wachsen kann, stehen trotzdem nicht schlecht. Einerseits hat er schon bald im UEFA-Supercup eine erste Chance auf den ersten von fünf in dieser Saison (Gegner ist Bayern München, das gegen Chelsea ein Trauma zu verarbeiten hat). Andererseits ist die Ausgangslage auch für die Premier League günstig, für die Mourinho bis zu fünf Rivalen nennt.

Der Konkurrenz eine Nasenlänge voraus

Brendan Rodgers mit Liverpool und Andre Villas-Boas mit Tottenham sind dabei aber höchstens Außenseiter, die Mourinho wohl mehr aus Respekt für seine beiden Ex-Assistenten nennt. Sein Real-Vorgänger Manuel Pellegrini steht beim stets schwer zu beherrschenden Superkader von Manchester City als Neuankömmling an der Seitenlinie. David Moyes hat bei Manchester United zusätzlich zum neuen Terrain auch noch eine persönliche Bewährungsprobe vor sich und dazu bisher einen bescheidenen Transfersommer. Arsene Wenger fehlt beim seit acht Jahren titellosen Arsenal zwar nicht die Kontinuität, aber ebenfalls noch entscheidende Verstärkungen.

"The Happy One" hingegen sitzt in einem bekannten Umfeld, in dem er zugleich einen eingespielten, gut besetzten Kader vorfindet. Das Paket wirkt rund an der Stamford Bridge. Am kommenden Sonntag gastiert Hull City als erster Prüfstein. (Tom Schaffer, derStandard.at, 14.8.2013)

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    José Mourinho ist glücklich, wieder bei Chelsea zu sein.

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    ... aber sein Auftreten soll im zweiten Anlauf lockerer werden.

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    Der neue Kader ist eingespielt und mit Stars gespickt, die mit Mourinhos Rotationsprinzip klarkommen werden müssen.

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    Einer kommt vielleicht noch dazu.

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