Stadt macht den Nachthimmel weit heller als der Vollmond

10. August 2013, 18:00
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Lichtverschmutzung über Wien übertrifft natürliche Nachthimmelshelligkeit bei Neumond um das 1.570-Fache

Wien - Vollmondnächte sollte man meiden, wenn man einen klaren Blick auf den Sternenhimmel genießen will. Aktuelle Messungen demonstrierten nun, dass zumindest in städtischen Gebieten der Mond in diesem Zusammenhang wohl das geringere Problem ist: Die Helligkeit der Lichtglocke über einer Stadt übertrifft die Himmelsaufhellung durch den Vollmond nämlich manchmal bei weitem. Die Astrophysiker der Universität Wien verglichen für ihre Untersuchung die Helligkeit der Nächte in Wien mit jener auf einem Berg im Wienerwald.

Über ein Jahr lang haben die Wissenschafter auf der Universitätssternwarte in Wien und am Mitterschöpfl, dem höchsten Berg des Wienerwaldes, jede Nacht alle sieben Sekunden die nächtliche Himmelshelligkeit gemessen. Dabei konzentrierten sie sich bewusst auf die globale Lichtglocke, punktuell störende, besonders helle Lichtquellen in der Stadt wurden nicht erfasst. Analog dazu wurde der Mond hinsichtlich seiner Wirkung auf den Nachthimmel, nicht hinsichtlich seiner direkten Einstrahlung gemessen.

1.570-mal strahlender als die natürliche Nachthimmelshelligkeit

Dabei zeigte sich, dass durch den Lichtsmog über Wien Werte erreicht werden, welche die natürliche Nachthimmelshelligkeit um das 1.570-fache übertreffen. Verglichen wurde dabei mit der Nachthelligkeit bei Neumond, erklärte Thomas Posch vom Institut für Astrophysik der Uni Wien. Die Grundhelligkeit des Himmels bei Neumond ergibt sich vor allem durch das Licht der Sterne und dem durch Leuchterscheinungen der Luftmoleküle verursachten "Airglow" der Atmosphäre.

"Was in Wien die nächtliche Himmelshelligkeit dominiert, ist heutzutage nicht mehr primär die Mondphase, sondern vielmehr der Bewölkungsgrad", erklärt Johannes Puschnig, Erstautor der Studie, die in der Fachzeitschrift "Journal for Quantitative Spectroscopy and Radiative Transfer" erscheinen wird und bereits auf dem Preprint-Server "arXiv" abrufbar ist. Bei dichter Bewölkung und noch ausgeprägter bei Schneefall werde die städtische Lichtglocke gegenüber klarem Himmel um mindestens das Zehnfache verstärkt. Damit würden die Werte der Himmelsaufhellung durch den Vollmond bei weitem übertroffen. Dagegen würde die Himmelshelligkeit auf dem relativ entlegenen Mitterschöpfl klar mit den Mondphasen zusammenhängen.

Zeitgeber Mond verliert in Städten an Bedeutung

Für die Wissenschafter sind die Messergebnisse auch bei chronobiologischen Fragen relevant. "Der für unser Wohlbefinden wichtige Tag-Nacht-Rhythmus wird in den Großstädten immer mehr nivelliert. Und der Mond tritt als Zeitgeber von Perioden mit rund 29,5 Tagen auch immer mehr in den Hintergrund", so Puschnig. Nach Ansicht der Astrophysiker sollten angesichts der Resultate Studien über den Einfluss des Mondes auf die Schlafqualität "in vertiefter Form durchgeführt werden". So müsse etwa geklärt werden, ob die Versuchspersonen üblicherweise an Orten schlafen, wo der Mond noch die dominierende nächtliche Lichtquelle ist. Forscher aus Basel haben vor kurzem Belege vorgelegt, wonach der Mond erheblichen Einfluss auf die Schlafqualität haben kann (wir berichteten).

Im Rahmen der Studie haben die Wissenschafter den Nachthimmel auch spektroskopisch untersucht, um die Hauptverursacher für den Lichtsmog zu identifizieren. Erwartungsgemäß stellte sich das - vor allem von der Straßenbeleuchtung ausgehende - Licht aus Natriumdampflampen und Leuchtstoffröhren als Haupt-"Verschmutzer" heraus. (APA/red, derStandard.at, 10.08.2013)

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    Wenn es um die Helligkeit geht, dann dürfte es in Wien vermutlich nicht der Vollmond sein, der den Menschen den Schlaf raubt.

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