"Facebook-Falle": Soziales Netzwerk unbefriedigend wie ein Geldspielautomat

9. August 2013, 05:30
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Das soziale Netzwerk hinterlässt User oft unbefriedigt - Mediziner und Autor Kurosch Yazdi sieht Parallelen zwischen weniger risikofreudigen Spielesüchtigen und Facebook-Nutzern - Neue Studie über Maßnahmen, die sich positiv auf Interaktion auswirken

Die Zahlen sprechen für sich: Facebook ist mit mehr als einer Milliarde Nutzern das größte soziale Netzwerk der Welt. 83 Prozent der gesamten Zeit, die Menschen in sozialen Netzwerken verbringen, gehen auf das Konto von Facebook. Dem Unternehmen sind diese Zahlen wichtig, denn je mehr Zeit die Nutzer auf Facebook verbringen, desto höher die Werbeeinnahmen des Unternehmens. Die "Facebook-Falle" sei für die Nutzerinnen und Nutzer aber genauso unbefriedigend wie ein Spielautomat in Las Vegas. Diese These stellt das US-Magazin "The Atlantic" auf und vergleicht die Aktivität auf Facebook mit jener bei Geldspielautomaten. Kurosch Yazdi, Primar der Suchtabteilung der Wagner-Jauregg-Klinik in Linz, sieht Parallelen zwischen "emotionslosen, weniger risikofreudigen" Spielern und Nutzern des sozialen Netzwerks. Forscher stellen im Fachmagazin "Science" die These auf, dass sich positive Bewertungen auch positiv auf Interaktionen in Netzwerken auswirken können.

Komfortable Facebook-Zone

Das ständige Scrollen auf Facebook und das Ausschauhalten nach neuen Inhalten sei zwar beruhigend für viele, aber dennoch hinterlasse es einen bitteren Beigeschmack, behauptet "The Atlantic". Die 400 Minuten pro Monat, die der Durchschnittsamerikaner auf Facebook verbringt, hätten weniger mit der Liebe zu dem Netzwerk zu tun als mit immer wiederkehrenden Handlungen - ähnlich würden sich auch Spielsüchtige verhalten. "Es geht nicht ums Gewinnen, es geht um das Gelangen in die Zone", erklärt die Anthropologin Natasha Schüll die "Machine Zone" bei Spielautomaten-Süchtigen.

Kein bestimmtes Ziel

Diese "Zone" würde speziell gestaltet sein, um Spieler an die Maschinen zu bringen und sie dort auch zu halten. Den Spielsüchtigen gehe es nicht ums Geld. Auch Facebook-Usern geht es nicht um einen "Gewinn" oder ein bestimmtes Ziel. Man drückt auf Knöpfe, etwas passiert, und das Ergebnis ist dennoch nie das gleiche. "Es ist wie ein Spiel gegen sich selbst: Du bist die Maschine; die Maschine ist du", zitiert Autor Alexis Madrigal eine Automatenspielerin.

Stundenlanges Scrollen

Das Schreiben von Nachrichten oder das Verfassen von Tweets hingegen wäre laut dem Psychologen Mihaly Csikzentmihalyi eine aktive Aktion, die auch ein Ergebnis bringe. Das bloße Scrollen durch den News Feed oder das Betrachten von Hunderten von Fotos sei eine asoziale Aktivität, die genau dieser "Machine Zone" entspreche, die auch bei Spielern zu finden sei. Es fehle an menschlichen Verbindungen.

Netzwerksucht unbekannt

Ob man hier schon von Sucht reden kann, ist unklar. Internetsucht und die Sucht nach Videospielen ist mittlerweile bekannt. 2011 waren 80.000 Österreicher internetsüchtig, erhob das Wiener Anton-Proksch-Institut. Diese Sucht wird vor allem dadurch definiert, vorgenommene Onlinezeiten nicht einzuhalten. Bei steigender Verbreitung des Internets könnten es aber bereits deutlich mehr sein. Schätzungen zufolge sollen etwa ein bis drei Prozent aller Internetnutzer im deutschsprachigen Raum von der Sucht betroffen sein. Eine spezielle Sucht nach sozialen Netzwerken oder gar Facebook sei dem Institut allerdings unbekannt, heißt es auf Anfrage des WebStandard.

Eva-Maria Wimmer von der Sucht- und Drogenkoordination Wien sagt, dass die Präventionsarbeit keinerlei spezielles Augenmerk auf soziale Netzwerke legt. Die Informationen diesbezüglich behandeln die Internetsucht im Allgemeinen.

Zwei Arten von Spielsüchtigen

Der Linzer Primar Kurosch Yazdi unterscheidet zwei Arten von Spielsüchtigen: "Die einen, die mit hohen Einsätzen und sehr riskant spielen. Diese Sensation-Seeker spielen mit hoher Emotionalität und sind meist männlich. Die zweite Art hingegen spielt emotionslos, weniger risikofreudig und mit kleineren Einsätzen", erklärt er dem WebStandard. Sie sei vergleichbar mit jenen, die stundenlang vor Facebook sitzen. Diese würden eher versuchen, sich von Alltagssorgen abzulenken - oder von Einsamkeit. Auch hier ist der "Einsatz" ein relativ kleiner, das Ergebnis aber ebenfalls.

Eine staatliche Kontrolle der Online-Zeit wäre eine Überlegung wert, sagte Yazdi in einem Interview mit dem STANDARD im März. "Wenn ich die Ereignisfrequenzen reduzieren kann, habe ich weniger Süchtige. Ich sage nicht, wir müssen das eins zu eins in Österreich machen. Ich sage nur, wir müssen uns etwas einfallen lassen", so der Primar. In seinem Buch "Junkies wie wir" versucht Yazdi verschiedene Verhaltenssüchte zu erläutern.

Verlorene Zeit

Die Zeit, die man auf Facebook verbringt, läuft oft in einer Schleife ab, denn die Ereignisse wiederholen sich. Das Design des Netzwerks - und auch anderer sozialer Netzwerke - würde es nicht erlauben, dem User zu sagen, wann genug ist. Stattdessen werden andere Aktivitäten vorgeschlagen, damit man das Netzwerk nicht verlässt. Diese Schleifen führen dazu, dass die Menschen am Ende das Gefühl haben, Zeit verloren zu haben. Je mehr Features so ein Netzwerk hat, desto mehr würde dieser Effekt eintreten und desto weniger würden die Menschen es mögen. Entkommen könnten sie dem dennoch nicht. Die Fallen, die Entwickler dem Nutzer tagtäglich stellen, seien aber gar nicht besonders beabsichtigt. "The Atlantic" sieht hier auch Designer gefordert, User zu aktiven Vorgängen zu animieren.

Dass sich die Implementierung kleiner Maßnahmen in Netzwerke auf die Interaktion auch positiv auswirken kann, zeigt ein Experiment von Wissenschaftern aus Israel und den USA, das im aktuellen Fachmagazin "Science" veröffentlicht wurde. Bewertungen, die bei Kommentaren oder Postings möglich sind, wirken sich auf das Verhalten anderer User nämlich auch aus. So fanden die Forscher heraus, dass positive Bewertungen von Kommentaren auch weitere positive Bewertungen anziehen. 100.000 Kommentare auf diversen Plattformen hätten die Forscher dabei beobachtet. Ein positiver Kommentar zieht weitere Unterstützung an, so die Erkenntnis der Forscher.

Ausgleichseffekt bei negativer Bewertung

Im Gegensatz dazu gibt es bei anfänglich negativ bewerteten Kommentaren häufig einen Ausgleichseffekt - die nächste Bewertung war oft positiv. Andere Nutzer hätten nämlich das Gefühl, nach einer ersten negativen Bewertung den schlechten Eindruck wieder ausgleichen zu wollen. Allgemein werden so mehr positive als negative Bewertungen abgegeben, eine Tendenz, die Facebook zum Prinzip erhoben hat. Dieser Effekt würde aber auch bei Wahlumfragen, Börsenkursen und Produktempfehlungen eine Rolle spielen, heißt es. (iww, derStandard.at, 8.8.2013)

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    Wie bei Geldspielautomaten würden User auch auf Facebook die Zeit und sich selbst vergessen - am Ende kommt die Frustration.

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